23. Februar 2018 · Kommentare deaktiviert für Dokumentarfilm «Eldorado» – Reise ins Land der Goldfolie · Kategorien: Medien, Mittelmeer · Tags:

NZZ | 23.03.2018

Der vielfach ausgezeichnete Schweizer Dokumentarist Markus Imhoof präsentiert an der Berlinale seinen neuen Film. In «Eldorado» folgt er Flüchtlingen auf ihrem Weg nach Europa – und seiner eigenen Familiengeschichte. Es ist ein so bewegendes wie subjektives Werk.

Susanne Ostwald, Berlin

Damit hätte er nicht gerechnet, sagt Markus Imhoof: dass über 35 Jahre nach seinem Film «Das Boot ist voll» über im Zweiten Weltkrieg aus der Schweiz abgewiesene Flüchtlinge das Thema Migration «noch einmal so konkret und drängend wird, dass man darüber nochmals einen Film drehen muss». Diesmal ist der Titel ganz wörtlich zu nehmen. Schon in den ersten Einstellungen sind sie zu sehen, die überladenen Boote auf dem Mittelmeer, aus denen völlig erschöpfte Frauen, Männer ohne Schuhe und Kinder mit angstvoll geweiteten Augen von der italienischen Marine gerettet werden. Es sind Bilder, wie sie schon häufig in anderen Filmen zu sehen waren. Doch wieder brennen sie sich schmerzlich in unsere Augen.

Mit «Das Boot ist voll» machte Imhoof 1981 auf der Berlinale Furore und gewann mehrere Preise, darunter einen Silbernen Bären. Jetzt ist er mit seinem neuen Film zurück an den Filmfestspielen Berlin, doch einen Preis gewinnen kann er diesmal nicht: Sein jüngstes Werk «Eldorado» läuft ausser Konkurrenz. Vielleicht ist das dem Umstand geschuldet, dass hier vor zwei Jahren ein thematisch ganz ähnlich gelagerter Film über die Flüchtlingskrise gewann, Gianfranco Rosis nicht unumstrittene Dokumentation «Fuocoammare».

Und tatsächlich ähneln sich die Bilder, zumindest anfänglich. In der ersten halben Stunde vermag Imhoof nicht recht zu überzeugen. Auch er geht, so wie Rosi, bisweilen unangenehm nahe an die gequälten Gesichter der Flüchtlinge heran, was nicht unproblematisch ist. Er führt Gespräche mit geforderten Ersthelfern, zeigt in goldglänzende Wärmefolie eingewickelte Körper – in Einstellungen, die den Filmtitel zynisch brechen: Ist das schon das europäische Eldorado? Imhoofs Motivation und Absicht unterscheiden sich jedoch von jener Rosis, der stärker nach der künstlerischen Konfrontation suchte. Imhoof hingegen geht von seiner persönlichen Betroffenheit aus.

«Du bist der Grund, Giovanna, warum ich diese Reise mache», sagt der 1941 in Winterthur geborene Filmemacher im Off. Er spricht damit jenes schon vor langer Zeit gestorbene Flüchtlingsmädchen aus Mailand an, das seine Familie 1945 für einige Zeit aufnahm. Die Erinnerung an sie lässt Imhoof nun, über siebzig Jahre später, ihren Spuren folgen, ebenso wie seinen eigenen, als er selber in den siebziger Jahren nach Mailand übersiedelte – sowie vor allem jenen Migranten der Gegenwart, die übers Mittelmeer und, sofern sie das überleben, in Europa nur selten viel weiter kommen als bis an seine Gestade.

Rosi folgte den Spuren der Migranten bis Lampedusa – Imhoof geht darüber hinaus, auch hinsichtlich der Risiken, in die er sich begibt. Etwa als er heimlich im «Ghetto» genannten Elendsquartier abgewiesener Asylbewerber filmt, wo die Menschen unter mafiösen Strukturen wie moderne Sklaven in der Tomatenernte schuften und die Frauen in die Prostitution gezwungen werden. So manche der im Film gemachten Aussagen, etwa jene eines sich gegen dieses Unrecht engagierenden Gewerkschafters, ist kaum verifizierbar; Polemik in der Beschreibung und Einschätzung der Umstände schwingt mit, manchmal auf durchaus unangenehme Weise. Man muss den Film für das nehmen, was er ist: eben kein objektives, sondern ein sehr emotionales Zeugnis der Betroffenheit.

Betroffenheit aber ist in manchen Fällen nicht immer der beste Berater. Imhoof geht zwar von seiner persönlichen Perspektive aus, doch in anderer, weniger egozentrischer Weise, als dies etwa Ai Weiwei in seinem Film «Human Flow» über die Flüchtlingskrise getan hat. Geriet dieser auch aufgrund seiner kinematografischen Ästhetisierung des menschlichen Elends in die Kritik, so ist Imhoof hinsichtlich der filmischen Umsetzung wohltuende Nüchternheit zu attestieren, bis hin zu jenen Bildern von Schweizer Zivilschutzanlagen, in denen Asylbewerber untergebracht wurden. Die Kontraste sprechen für sich: hier die helle, spektakulär aufragende Berglandschaft, dort die neonbeleuchtete Trostlosigkeit unterirdischer Bunker. Und doch kann sich glücklich schätzen, wer es bis hier geschafft hat – und nicht an der italienisch-schweizerischen Grenze aus dem Zug gefischt wurde.

«Eldorado» löst, wie schon «Fuocoammare», nicht nur an der Berlinale leidenschaftlich geführte Diskussionen aus, sondern wird wohl auch bei seinem Schweizer Kinostart am 8. März grosse Aufmerksamkeit erlangen. Vielleicht wird er sogar Imhoofs letzten Film, «More than Honey» (2012) über das weltweite Bienensterben, als erfolgreichsten Schweizer Dokumentarfilm aller Zeiten ablösen. Letztgenanntes, vielfach preisgekröntes Werk hat übrigens soeben noch eine späte Auszeichnung erhalten, den «Apisticus des Jahres 2018». Damit würdigen die nordrhein-westfälische Landwirtschaftskammer und der Imkerverein Imhoofs Verdienste um das Wohl der Imkerei und Bienenkunde. Sozusagen eine Goldene Biene statt eines solchen Bären für Imhoofs jüngste Reise ins sagenhafte Goldland.

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