30. März 2018 · Kommentare deaktiviert für Tod im Mittelmeer: „Mama, ich kann nicht mehr, bitte töte mich“ · Kategorien: Griechenland, Türkei · Tags: , ,

Spiegel Online | 29.03.2018

Zwei Familien ertrinken auf der Flucht von der Türkei nach Griechenland im Mittelmeer, nur drei Menschen überleben. Die Küstenwache wurde informiert – eine Rettung unterblieb. Eine Rekonstruktion.

Von Samos berichten Giorgos Christides, Nicolai Kwasniewski und Christoph Koitka (Fotos und Video)

Ist es möglich, dass im Mittelmeer, kurz vor einer rettenden Insel, zwei Familien sterben und keiner es bemerkt? Ist es möglich, dass viele, die diese Katastrophe hätten verhindern können, Bescheid wussten und dennoch nichts taten? Die Familienangehörigen und die Überlebenden des Schiffbruchs haben gute Gründe für die schockierende Annahme, dass ihre Familien, darunter neun Kinder, noch am Leben sein könnten.

Ein SPIEGEL-Team hat mehrere Tage lang auf Samos mit den Betroffenen gesprochen, mit Angehörigen, mit Beamten von Polizei und Küstenwache. Es hat Belege und Beweise zusammengetragen. Das Puzzle ergibt das Bild eines Unglücks, das weit weniger schicksalhaft war, als es zunächst schien.

Die Geschichte der Flucht beginnt am 16. März vor Sonnenaufgang. Es ist ein milder Morgen, als zwei Familien an einem türkischen Strand stehen, um diese Etappe ihrer Reise nach Europa anzutreten. Acht waren aus dem Irak gekommen, vier Erwachsene mit ihren Kindern, dreizehn, fünf und drei Jahre alt sowie ein vier Monate altes Mädchen.

Die andere stammt aus Afghanistan: Der Vater, 51, seine Tochter Freshta, 25, die alles zusammenhält, ihre Geschwister, Cousins und Cousinen, zwischen vier und zwanzig Jahre alt. Freshta ist es auch, die sich für den Fall vorbereitet, dass etwas schiefgeht.

Ein Wink des Himmels?

Aber was soll schon passieren? Der Schleuser in Izmir hat geliefert: Zwei seiner Männer werden die Flüchtenden zur nahen griechischen Insel Agathonisi fahren. Das Boot, vermutlich ist es aus Glasfaserkunststoff, wirkt solide, es bietet ausreichend Platz für die 17 Passagiere und ihre zwei türkischen Begleiter.

Die Iraker sehen es als Wink des Himmels an, dass sie an einem Freitag übersetzen werden: Es ist ihr Feiertag, aus der nahegelegen Moschee ruft der Muezzin zum Morgengebet. Sie sitzen vorne, die afghanische Familie im Heck. Dazwischen die Türken am Steuer.

Die Afghanen wollen zu Verwandten, die in Deutschland leben. Freshtas Bruder Darab ist schon vor zwei Monaten angekommen und lebt seitdem in dem überfüllten Flüchtlingslager auf Samos. Dort erzählt er, was vor knapp zwei Wochen geschah.

Als das Schiff von der türkischen Küste ablegt, informiert Freshta ihn über WhatsApp und aktiviert eine Funktion, die ihm den Standort ihres Telefons übermittelt. In seinem Zelt wartet Darab auf die nächste Nachricht, während das Boot zügig vorankommt in Richtung der knapp 20 Kilometer entfernten Insel Agathonisi. Aber es hat erst zwei Drittel des Wegs geschafft, als Darab eine Sprachnachricht von Freshta bekommt. Eine Aufnahme voller Panik: „Das Boot hat gestoppt! Wir sinken! Wir sinken!“

Auf Samos stürzt Darab aus seinem Zelt, wählt den Notruf 112. Der Afghane kann sich gut auf Englisch verständigen, erklärt, dass ein Boot mit seiner Familie an Bord auf dem Weg nach Agathonisi gesunken sei. Ihm wird ein Rückruf versprochen, der auch kommt: Er solle eine Telefonnummer wählen. Sie gehört zum Joint Rescue Coordination Center in Athen, das die Küstenwache koordiniert.

Darab erklärt die Lage erneut. Er bekommt eine Mobilnummer, an die er den WhatsApp-Standort schicken soll. Es folgt ein Chat: Der Standort lasse sich nicht öffnen. Darab schickt einen Screenshot, die genauen Koordinaten des letzten Standorts, eine Google-Karte und eine Sprachnachricht, in der er erklärt, wie die Geokoordinaten eingegeben werden müssen.

Auf dem Meer hat für seine Familie und die Iraker ein Albtraum begonnen.

Die Überlebenden des Unglücks berichten später, dass sich die Schleuser von der türkischen Küstenwache verfolgt gefühlt hätten. Sie beschleunigen, doch die Vollgasfahrt habe der Motor nicht ausgehalten. Das Boot stoppt, Wellen schlagen über Bord, Panik bricht aus. Freshta setzt die Sprachnachricht ab, das Schiff kentert. Alle landen im Wasser, immerhin tragen sie Schwimmwesten. Alle, bis auf ein vier Monate altes irakisches Mädchen, das sofort untergeht.

Die anderen versuchen, in der Nähe ihrer Kinder zu bleiben. Noch haben sie Hoffnung, sie wissen ja, dass ihr Standort bekannt ist und die Sprachnachricht durchgegangen ist.

Das rettende Schiff fährt vorbei

Ein bis zwei Stunden später, so berichten es die Überlebenden, sei ein größeres Schiff gekommen. Grau und weiß, mit einer großen Antenne, daran eine weiß-blaue Flagge. Die Teenager blasen in die Signalpfeifen ihrer Westen, alle winken und rufen. Das Schiff aber sei vorbeigefahren. Erst weit entfernt habe es gestoppt – und dort seine Position gehalten.

Auf Samos wird Darab unruhiger. Er weiß, dass seine Familie irgendwo im Meer schwimmt – niemand scheint zu helfen. Immer wieder telefoniert er mit der Küstenwache. Endlich erklärt ein Beamter dem aufgelösten Afghanen: „Wir haben jemanden gerettet!“ Das Lagezentrum in Athen stellt Darab zu einem Kollegen auf Agathonisi durch, der das Telefon weiterreicht – an eine Syrerin. Sie erklärt Darab auf Englisch, dass sie mit mehr als 60 anderen Syrern auf zwei Booten angekommen sei. Afghanen seien nicht an Bord gewesen, sagt sie.

Darab, so erzählt er es eine Woche später, telefoniert nun immer verzweifelter, erklärt, dass seine Familie noch im Meer treiben müsse, bittet Polizei und Küstenwache sie zu suchen. Noch heute bricht der junge Mann in Tränen aus, wenn er die Geschichte seiner Hilfesuche erzählt. Er denkt, er habe nicht genug getan.

Tod im Meer

Im Meer spitzt sich die Situation zu: Der Wind frischt auf, das Wasser ist etwa 15 Grad kalt, viele der Flüchtlinge drohen vor Erschöpfung und Unterkühlung einzuschlafen. Die irakische Überlebende erzählt später, wie sie versucht habe, ihre Kinder aktiv zu halten: „Ihr wolltet doch immer einen Badeurlaub, jetzt machen wir ihn“.

Die Kinder beginnen nach Stunden im Wasser zu zittern, erzählt Fahima, die einzige Überlebende aus Afghanistan. Die 45-Jährige verliert zwei Neffen, eine Nichte und ihre vier Kinder. Die letzten Worte ihres jüngsten Sohns: „Mama, ich kann nicht mehr, bitte töte mich.“

Mittlerweile ist es früher Nachmittag.

Auf Samos kommen die Busse mit den in Agathonisi Geretteten im Flüchtlingslager an – Darabs Familie steigt nicht aus. Wieder kontaktiert er die Polizei, wieder wird er vertröstet, so geht es stundenlang.

Im Wasser treiben Quassim, mit 51 der älteste Mann der irakischen Familie, die Ehefrau seines Neffen und Darabs Tante Fahima nahe beieinander im Wasser. Wellen und Wind haben sie dem Ufer nähergebracht. Irgendwo hat Quassim eine Art Rettungsring her, die beiden Frauen haken sich rechts und links mit einem Arm ein, im anderen hält jede eines ihrer toten Kinder.

Bei Einbruch der Dunkelheit gehen die drei an Land und heben die toten Kinder auf die Felsen. Quassim läuft los, um Hilfe zu suchen, gibt aber erschöpft auf und verbringt die Nacht unter einem Baum. Die Frauen schleppen sich hinter einen schützenden Felsen. Miteinander sprechen können sie nicht, aber sie umarmen sich gegen die Kälte, die ganze Nacht.

„Können Sie uns bitte helfen?“

Am nächsten Morgen schickt Darab um 8.58 Uhr erneut eine WhatsApp-Nachricht an den Kontakt vom Vortag: „Wir haben keine Informationen über meine Familie. Können Sie uns bitte helfen, sie zu finden?“ Keine Antwort.

Ungefähr um diese Zeit macht nun endlich die Küstenwache mobil – zu spät, um jemanden zu retten. Die drei Überlebenden hatten bei Tagesanbruch die Polizeiwache auf Agathonisi erreicht, die Beamten alarmierten sofort die Küstenwache. Dreizehn Schiffe, zwei Helikopter und ein Flugzeug rücken aus, aber sie bergen nur 16 Leichen und bringen sie, gemeinsam mit dem Überlebenden auf die größere Insel Samos.

Als Darab am frühen Nachmittag einen Anruf erhält und gebeten wird, Fotos seiner Familie an die E-Mail-Adresse der Küstenwache von Samos zu schicken, tut er das. Eine Antwort bekommt er nicht. Aber jetzt hat er einen Verdacht: Darab läuft zum Krankenhaus der Insel, eine Krankenschwester schickt ihn in den 3. Stock. Als er durch den Türspalt seine Tante sieht, bricht er zusammen.

Darab hat die Frage nach dem Warum immer wieder gestellt, genauso wie seine Brüder, Onkel, Cousins, seine Mutter und seine Schwester, die alle nach Samos gekommen sind. Um die Überführung ihrer Toten zu organisieren und um nach Antworten zu suchen. Es ist eine große Familie, sie stehen sich gegenseitig bei, sie haben das Gefühl, die Behörden wollen vertuschen, dass sie versagt haben. Die Nerven liegen blank.

Tatsächlich widersprechen sich viele der Beteiligten, mit denen der SPIEGEL geredet hat – vor allem in der entscheidenden Frage, an welchem Tag das Unglück geschah. Die Überlebenden berichten, dass sie sich schon in der ersten Befragung durch Beamte auf Agathonisi am Morgen ihrer Rettung auf Samstag, 17. März, festlegen sollten. Auch in den ärztlichen Sterbebescheinigungen der Toten ist der 17. März als Todesdatum angegeben.

Die Küstenwache veröffentlicht eine verwirrende Stellungnahme

Als der griechische Minister für Schifffahrt und Inseln, Panagiotis Kouroumblis, überraschend die Überlebenden im Krankenhaus besucht, ist er der erste, der öffentlich zugibt, dass die Küstenwache bereits am 16. März einen Notruf erhalten hat.

Als Reaktion auf den ersten SPIEGEL-Bericht veröffentlicht die Küstenwache am Mittwochabend eine Stellungnahme, die weitere Fragen aufwirft. Darin heißt es: Am Morgen des 16. März habe die Küstenwache „Informationen bekommen“ über ein Boot, das in der Nähe von Agathonisi „möglicherweise in einer Notlage ist“. Umgehend seien drei Schiffe der Küstenwache mobilisiert worden. Die Beamten der Küstenwache beteuerten im Gespräch mit dem SPIEGEL-Team hinter vorgehaltener Hand, sie wüssten nichts von einer Rettungsaktion an dem Tag.

Weiter schreibt die Küstenwache, man habe festgestellt, dass Flüchtlinge auf zwei Booten in Agathonisi angekommen seien. Die Küstenwache habe das Meer vier Stunden lang abgesucht, auch wenn die Angekommenen niemanden vermisst hätten – mit dem Großeinsatz einen Tag später habe das aber nichts zu tun. Warum die Küstenwache nicht auf die Idee gekommen ist, dass Darabs Schilderung nicht zu diesen Booten passt, bleibt unbeantwortet. Es zeigt aber, dass die Überlebenden vielleicht wirklich ein Schiff der Küstenwache mit griechischer Flagge gesehen haben.

Wer allein ist, ist verloren

Tatsächlich hat die Staatsanwaltschaft mittlerweile Vorermittlungen aufgenommen. Und der Minister hat den Überlebenden einen schnellen Transfer aufs Festland versprochen und eine schnelle Familienzusammenführung in Deutschland. Seine Reaktion zeigt aber auch, dass es vor allem einen Grund für die Untersuchung gibt: die Hartnäckigkeit der Opferangehörigen und der Überlebenden. Wer auf sich allein gestellt ist, ist verloren.

In diesem Fall aber ist ein Verwandter der Iraker aus den USA angereist, fordert Aufklärung, lässt sich nicht entmutigen von Ausreden, Bürokratie oder Drohungen. Und da ist die afghanische Familie: Brüder, Cousins und Onkel, die aus Deutschland und England kamen. Sie kennen sich mit Unrecht aus, Darab und Freshta haben in Afghanistan als Anwälte gearbeitet. Die Familienmitglieder wissen, dass sie ihre Rechte einfordern können und sie wollen, dass niemandem mehr das Leid widerfährt, das ihnen geschah.

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