11. Juli 2018 · Kommentare deaktiviert für Film über Seenotretter: Wie Abiturienten losfuhren, um Flüchtlinge zu retten · Kategorien: Mittelmeer, Termine · Tags: , ,

Spiegel Online | 11.07.2018

Sie haben Tausende Menschen vor dem Ertrinken bewahrt, doch nun geraten die Aktivisten von „Jugend Rettet“ ins Visier der Justiz. Regisseur Michele Cinque dokumentiert ihr Scheitern an der Migrationspolitik.

Von Katharina Schipkowski

Hastig, auf allen vieren, klettern zwei Frauen, die Röcke klitschnass, zu den beiden Jungs auf das Rettungsschlauchboot. „Meine Schwester, ihr müsst noch meine Schwester holen!“, ruft die eine. Die beiden jungen Männer umarmen sie: „Wir lassen niemanden zurück.“ Dann fahren sie zur Iuventa, dem Mutterschiff, um ein größeres Schlauchboot zu holen und die restlichen Schiffbrüchigen zu retten, die auf einem Gummiboot ohne Benzin auf dem Mittelmeer treiben.

Der italienische Regisseur Michele Cinque hat die Crew der Iuventa, dem umgebauten Fischkutter der deutschen NGO „Jugend rettet“, über ein Jahr lang begleitet. Der Film erzählt die Geschichte von einem Dutzend junger Menschen – ihrem Idealismus und ihrem Scheitern an der politischen Realität:

Heute darf kein einziges der zwölf NGO-Schiffe, die über Jahre Menschen retteten, auf das Mittelmeer. Im Juni 2018 schloss Italien seine Häfen für alle NGOs. Es war der tödlichste Monat 2018, 629 Menschen ertranken. Das Rettungsschiff Lifeline dümpelte sechs Tage lang mit 230 Schiffbrüchigen im Mittelmeer, bis es in Malta anlegen durfte, die Aquarius irrte zuvor tagelang mit 630 Menschen an Bord herum. Kurz darauf einigte sich die EU insgesamt auf eine schärfere Asylpolitik.

Wie brisant die Situation zum Zeitpunkt der Filmveröffentlichung sein würde, konnte Cinque während seines Drehs nicht ahnen. Kurz bevor er die Aufnahmen im Herbst 2017 beendete, deutete sich die Zuspitzung der Situation aber bereits an: Am 1. August vergangenen Jahres beorderte die Seenotrettungsleitstelle in Rom das Schiff nach Lampedusa, wo es beschlagnahmt wurde.

Vor diesem Hintergrund wirkt seine Doku – handwerklich völlig okay, aber nicht ästhetisch innovativ – wie ein eindrückliches Dokument aus einer Zeit, in der es noch nicht ganz so schlimm stand um die Asylpolitik in Europa: Im Herbst 2015 gründet Jakob Schoen, damals Abiturient, mit einigen Freunden in Berlin die NGO „Jugend rettet“. Sie starten ein Crowdfunding, kaufen ein Schiff, die Iuventa, lateinisch für „Jugend“. Die ersten Filmszenen zeigen, wie die Crew im Oktober 2016 den Hafen von Valetta verlässt, um in die Rettungszone vor der libyschen Küste zu fahren. Sie wissen nicht, wie viele Geflüchtete sie an Bord nehmen können, und auch nicht, wie man einen Menschen am besten aus dem Wasser auf ein Schlauchboot zieht. Auf dem Weg in die Rettungszone üben sie, wie man jemanden reanimiert.

„Wir wissen, wo es hingeht“

„Natürlich ist das Risiko größer, als wenn du den Sommer zu Hause am Pool verbringst“, sagt der Kapitän Benedikt Funke, damals 31 Jahre alt, zu den anderen Aktivisten, als sie über die nächsten Tage sprechen. Was nur ein Versuch sein soll, eine symbolische Aktion, um auf die Situation im Mittelmeer aufmerksam zu machen, artet kurz darauf aus – in eine Mission, die 14.000 Leben rettet, bis sie von den italienischen Behörden gestoppt wird.

Gegen die Crewmitglieder der Iuventa laufen heute Ermittlungen, eine Anklage gibt es bisher nicht. In Malta steht der Kapitän der „Lifeline“ vor Gericht. Ihm droht ein Jahr Haft, weil das Schiff angeblich falsch registriert sei. Das wird auch der Iuventa-Crew vorgeworfen. „Völliger Quatsch“, sagt das Crewmitglied Titus Molkenbur bei der Filmpremiere in Berlin, „jedes Schiff, egal wo es registriert ist, muss Menschen in Seenot retten.“ Außerdem sei die Iuventa fast zwei Jahre lang problemlos unter holländischer Flagge gefahren. Für die Aktivisten ist die Lage klar: Sie sind Opfer eines Diskurses geworden, der von rechts gekapert wurde. „Wir müssen jetzt nach vorne gucken“, sagt Molkenbur, aber seine Vision ist finster. Er warnt vor einer harten Abschottungspolitik, wie etwa Australien sie betreibt: „Wir wissen, wo es hingeht.“

Die Erschütterung junger Menschen, die über ihre persönlichen Grenzen gehen und dann mit Enttäuschung zurückbleiben, dokumentiert der Film auch: „Wie lange sollen wir das machen und was kann die Lösung sein?“, fragen sie sich immer wieder. Dass die spendenfinanzierte Seenotrettung keine Lösung ist, wissen sie. Dass sie staatliche Aufgaben übernehmen müssen, frustriert sie.

Bei der Premiere in Berlin räumen sie auch eigene Versäumnisse ein. Kira Fischer, 26, sagt: „Wir hätten von Anfang an gemeinsam mit den anderen NGOs als politischer Akteur auftreten sollen.“ Statt aufs Meer fahren manche von ihnen jetzt nach Brüssel, reden mit Abgeordneten, sprechen auf Konferenzen und Demonstrationen. Andere haben sich zurückgezogen. Jakob Schoen studiert jetzt, Kapitän Benedikt Funke forscht zum Thema Migration.

Aber einige von ihnen würden sofort wieder in See stechen, wenn sie könnten. Kira Fischer sagt: „Solange das Sterben nicht aufhört, müssen wir weiter rausfahren.“ Ob sie die Iuventa jemals wiederbekommen, ist ungewiss. Bei der Podiumsdiskussion nach dem Film meldet sich ein kleiner Junge, vielleicht acht Jahre alt. Er sagt: „Ich würde vorschlagen, dass man doch ein neues Schiff kaufen könnte.“

Der Film „Iuventa“ tourt bis Mitte August durch die Kinos deutscher Städte. Alle Termine gibt es hier. Am 13. August ist er zudem um 22:25 Uhr auf 3sat zu sehen.

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