15. November 2017 · Kommentare deaktiviert für „Banu Cennetoğlu und ihre Liste gestorbener Flüchtlinge: Wenn vom Leben nur eine Druckspur bleibt“ · Kategorien: Deutschland, Medien · Tags:

Der Tagesspiegel | 07.11.2017

Die Künstlerin Banu Cennetoğlu erinnert an die Menschen, die auf der Flucht nach Europa gestorben sind. Sie gibt ihnen Namen. Eine Aktion von Maxim Gorki Theater und Tagesspiegel.

von Rüdiger Schaper

Tote brauchen Namen, wie Neugeborene. Tote brauchen einen Namen und einen Raum, so wie die um sie Trauernden einen Ort brauchen, um trauern zu können. Die Anstrengung, solche Räume zu schaffen, steht am Beginn der Zivilisation und Kultur. Banu Cennetoğlu hat sich dieser Aufgabe verschrieben. Sie ist zu einem Teil ihres Lebens geworden: „The List“.

Banu Cennetoğlu, 1970 in Ankara geboren, ist eine international erfolgreiche Künstlerin. Zu ihren Stationen gehören die Biennale in Berlin und Istanbul, der Bonner Kunstverein, das San Francisco Art Institute. 2009 hat sie den türkischen Pavillon bei der Biennale in Venedig mit gestaltet, 2016 war sie DAAD-Gast in Berlin. Ihre Arbeit dreht sich um das Sammeln und Archivieren, sie vertraut dabei den traditionellen Medien des Buchs, der Zeitung. Sie braucht den Halt eines gedruckten Werks, die Haptik in einer haltlosen Welt. Das vermittelt „The List“ auf schmerzhafte Art. Banu Cennetoğlu tut etwas zutiefst Humanes, und sie sagt: „Es ist kein Kunstwerk. Es ist, was es ist“.

The List“. An diesem Donnerstag liegt sie dem Tagesspiegel bei. 48 Seiten, schmucklos, kommentarlos. „The List“. Eine Kooperation des Tagesspiegels mit dem Herbstsalon des Maxim Gorki Theaters. Diese Liste dokumentiert die Namen von Asylsuchenden, Flüchtlingen und Migranten, die seit 1993 innerhalb oder an den Grenzen Europas gestorben sind. Jeder Mensch auf dieser Liste, jeder Tote hat eine Zeile. Herkunft, Todesdatum. Mehr als in jeder Meldung, jeder Nachricht aus dem Mittelmeerraum. Die Daten werden vom europäischen Netzwerk United for Intercultural Action zusammengestellt und aktualisiert. In diesem Netzwerk korrespondieren bis zu 500 Plattformen, Organisationen, Büros, Einzelpersonen. Manchmal dauert es Jahre, bis Informationen über Vermisste auftauchen (Stand der Liste: 15. Juni 2017).

Jeder Eintrag ein Schicksal, ein verlorenes Leben

Die griechische Tageszeitung „Ta Nea“ veröffentlichte 2007 in Zusammenarbeit mit Banu Cennetoğlu eine Liste mit den Namen von 8855 Toten. 2010, bei einer von der Kunsthalle Basel organisierten Plakataktion, umfasste „The List“ 13 284 Todesfälle. Die Liste, die Banu Cennetozlu jetzt in dieser Zeitung vorlegt, hat 33 293 Positionen. Jeder Eintrag ein Schicksal, ein verlorenes Leben. Nur die „Spitze des Eisbergs“, sagt Banu Cennetoğlu. Tatsächlich sind viel mehr Menschen auf der Flucht gestorben, im Mittelmeer ertrunken. Keiner kennt ihre Zahl. „The List“ dokumentiert, was an Daten beizubringen ist.

Im Sommer bei der Documenta in Kassel stand am Giebel des Fridericianums der Satz: „Being safe is scary“. Banu Cennetoğlu hat ihn dort anbringen lassen. Er stammt aus einer Universität in Athen, vom März 2016, als die EU mit der Türkei das sogenannte Flüchtlingsabkommen schloss. Es ist beängstigend, in Sicherheit zu sein. Der Satz spiegelt die unsichere Situation der Geflüchteten, aber zugleich auch die Haltung der Menschen in Europa, die fürchten, wegen der ankommenden Flüchtlinge ihren Wohlstand und ihre soziale Ordnung zu verlieren.

Sie will, dass die Menschen lesen – was da in der Zeitung liegt wie ein fremdes, verstörendes Fundstück. Zum Gorki-Herbstsalon stellt der aus Syrien stammende Künstler Manaf Halbouni am Brandenburger Tor sein „Monument“ auf, eine Riesenskulptur aus Reisebussen. Solche Barrikaden haben die belagerten Bürger in Aleppo gebaut, um sich vor Scharfschützen zu sichern. „Being safe is scary“, immer wieder. Auf Litfaßsäulen im Zentrum Berlins werden dann auch die Seiten der „Liste“ zu finden sein. Noch einmal betont Banu Cennetoğlu, dass „The List“ keine Kunstaktion sei. Damit will sie die Liste vielleicht vor Missverständnissen schützen. Der Name der Künstlerin steht irgendwo versteckt in all dem Kleinstgedruckten. Auf sie soll es nicht ankommen. Die Liste wird nicht in Ausschnitten, nur als Ganzes veröffentlicht. Darauf besteht sie. Es sei auch nicht, wie sie manchmal gehört hat in all den Jahren, nicht „Banus Liste“.

Rituale sind nicht weniger wichtig als die Luft zum Atmen. Menschen bewahren die Erinnerung an Verlorene, im Krieg Gefallene, so wie es der antike Dramatiker Aischylos im ältesten erhaltenen Text der Theatergeschichte, den „Persern“ von anno 472 v. Chr., vorführt. Am Ground Zero in New York stehen die Namen der bei den Terroranschlägen vom 11. September 2001 Ermordeten auf Bronzeplatten. Die Darstellung der Opfer, die Organisation des kollektiven Gedächtnisses führt nicht selten zu erbittertem Streit, denn es es handelt sich um einen eminent politischen Akt. Als der Künstler Ai Weiwei Listen mit den Namen der Kinder veröffentlichte, die beim großen Erdbeben in der Provinz Sichuan im Mai 2008 getötet wurden, war das ein Protest gegen die Informationsblockade der chinesischen Regierung. Anonymität tötet ein zweites Mal.

Und ebenso, wie das Unerträgliche nach sprachlichem oder künstlerischem Ausdruck sucht, taucht die Frage auf, was „The List“ denn sei. Ein Denkmal? Ein Mahnmal? Doch da steht nichts fest, nur für den Moment. Da steht geschrieben, was morgen schon überholt erscheint, den Zahlen nach. Aber dieses immer schon nicht mehr Aktuelle macht keinen Ertrunkenen wieder lebendig. Die Liste wächst, die Zahl der Toten nimmt zu, während „The List“ geschrieben, gedruckt, gelesen wird.

Es ist, wenn man sie in der Hand hält, auch möglich, dass man nicht mehr loskommt von den Namen, den Orten, den Angaben zur Todesursache. Auf schreckliche Weise lebt die Liste, nicht allein, weil sie eine bloß angehaltene Statistik darstellt. Ständig entwickeln sich, wie die Dinge rund ums Mittelmeer stehen, neue Tragödien, kentern hoffnungslos überfüllte Schlauchboote, sind die Retter überfordert, sticht wieder eine Gruppe meist junger Menschen in See, die um ihre Leben laufen, die falsch informiert und betrogen wurden, die nicht zurückkönnen. Die auf der Liste die Nächsten sind.

So ein Werk kann nie frei sein von Fehlern und Irrtümern

„Du hast diese gedruckten Seiten in der Hand, du liest, sie hat einen Anfang und ein Ende, aber das ist eine Täuschung. Du bist mitten drin in der Geschichte. Sie geht weiter“, sagt Banu Cennetoğlu. „Es ist erschreckend, wie die Flüchtlingskatastrophe allgemeine Akzeptanz findet. Sie hat eine geringe Priorität in der politischen Agenda. Wäre es eine Naturkatastrophe, sähe es anders aus. In Flüchtlingslagern bringen sich Menschen mit einem Paar Schnürsenkel um, aus Angst, abgewiesen und zurückgeschickt zu werden. Dieses Ausmaß an Hoffnungslosigkeit übersteigt jede Vorstellungskraft“. Sie sagt das ruhig, klagt nicht an. Was sie sammelt, was sie weitergibt, in dieser ruhigen, sachlichen und dadurch auch wieder provozierenden Form, spricht für sich. Sie fragt: „Wer hat das Recht, für Menschen zu sprechen, die keine Stimme haben? Wer entscheidet das?“

Die Liste ist auch der Versuch, eine unangebrachte Aneignung menschlichen Leids zu vermeiden. Es ist klar, dass ein solches Werk, eine solche unglaubliche und schwer zu schulternde Fleißarbeit nie frei sein kann von Fehlern und Irrtümern. Die objektiven Schwierigkeiten bei der Erstellung und Recherche betonen noch einmal ihre Dringlichkeit. Gäbe es in jedem Fall ausreichend verlässliche Informationen, die umfangreich genug wären, den Weg eines Menschen aus Afrika oder Mittelasien in den Tod im Mittelmeer nachzuvollziehen, dann wäre die Lage dort wohl komplett anders. Dann gäbe es viele dieser Toten nicht.

Listen an sich haben etwas Praktisches wie auch Philosophisches. Manchmal drücken sie einen gewissen Luxus aus. Sie formen den Alltag, ein nützliches Werkzeug. Einkaufsliste, Preisliste, Adressenliste. Umberto Eco sieht darin das menschliche Bedürfnis und die Notwendigkeit, sich gegen das Verschwinden und dann auch die Überforderung zu rüsten, letztlich gegen den Tod. Im Gespräch mit Banu Cennetoğlu wird nach und nach klar, dass das Reden über Listen keinen Schluss haben kann. Grenzen sind dabei immer willkürlich. Es gibt auch keine Veranlassung, auf diese Arbeit stolz zu sein oder sich damit zu schmücken. Es verbietet sich. „Zahlen sind wichtig, so wichtig wie die Namen“, sagt sie.

Die Liste begleitete sie nach New York, Paris, Istanbul

Damals, 2006 in Amsterdam, hat sie die ersten Listen selbst im Stadtraum ausgehängt; und dann waren sie am nächsten Tag verschwunden. Sie sucht deshalb über Institutionen andere Wege und Formen. Deshalb bedeutet ihr die Zusammenarbeit mit einem Staatstheater und einer Zeitung in Berlin so viel. Dadurch entstünde, schon in der Vorbereitung, Leserschaft. Verbreitung. Sie hat in New York gelebt, in Paris, ist heute in Istanbul zu Hause. „The List“ begleitet sie überall hin.

Sie erinnert sich, wie sie zum ersten Mal mit der Liste in Berührung kam: „Ich las und las und konnte nicht aufhören zu lesen“, in dem harten, trockenen Format. In dem Dokument, in dem jeder Mensch zugleich zur Nummer wird und eine Erwähnung findet, die ihm anderswo nicht zuteil wurde. Für die Künstlerin stellt „The List“ eine Karte der Kriege, der Konflikte, der politischen Spannungsfelder unserer Zeit dar. Sie ist eine zeitgenössische Sisyphusarbeit. Banu Cennetoğlu hütet sie wie etwas sehr Kostbares. Und das ist es, wenn von einem Menschenleben nichts bleibt als eine winzige Druckspur in einem Stapel Zeitungspapier.

 

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