Seit Tagen hatten Generäle, ein ehemaliger Präsident (Liamine Zéroual) und die scheinbar kritischen algerischen Massenmedien diesen Freitag des 29. März 2019 vorbereitet: Ahmed Gaïd-Salah, Vize-Verteidigungsminister und Vorzeigegesicht des Militärs, hatte die Marschrichtung vorgegeben. In einer national wie international verbreiteten Rede kündigte er an, dass Staatspräsident Bouteflika aus gesundheitlichen Gründen nach Paragraf 102 der Verfassung für amtsunfähig erklärt werden müsste. Der Parlamentspräsident Abdelkader Bensalah würde vorschriftsmäßig an seine Stelle treten, der amtierende Premierminister Nouredine Bedoui würde später dann die Wahlen organisieren.

Damit machten die Herrschenden ein neues Tauziehen auf: Könnte es gelingen, die für heute erneut geplante Freitagsdemonstration als minderfrequentiert und zustimmend darzustellen? Oder würden wütende Massen die Konfrontation mit Polizei und Militär suchen? Bis ca. 16 Uhr, als längst Millionen Menschen ihre Wut gegen „Le Pouvoir“, die herrschenden Cliquen insgesamt, auf die Straße getragen hatten, berichteten die Massenmedien nur zögerlich oder sogar desorientierend von dem heutigen Protest. Insbesondere die wichtigsten arabischen Massenmedien verbreiteten Falschmeldungen über beginnende Großkonfrontationen auf der Straße. Tatsächlich war die Kritik der Straße einhellig: „Bouteflika hau ab, und nimm die ganze Bande mit“, oder: „102 (§ 102 der Verfassung: Amtsenthebung aus gesundheitlichen Gründen) kein Anschluss unter dieser Nummer, stattdessen 7 (§ 7 der Verfassung: ‚alle Macht geht vom Volk aus‘)“. Keinerlei Alternativlösungen, die die herrschenden Kreise und sogar manche etablierten Oppositionspolitiker verbreitet hatten, fanden Gefallen, sondern diese ernteten nur Gespott und radikalisierte Kritik. Damit ist, mehr denn je, wieder alles offen.

Algerien: Gewaltlose Radikalisierung gegen die Herrschenden

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