Für Migranten, die in Tijuana festsitzen, wird es immer schwieriger, in die USA zu gelangen, die Not immer grösser. Eine Reportage.


Auf der Strasse Richtung San Diego, stauen sich wie immer die Autos. Tijuana gilt als eine der meist frequentierten Grenzübergänge weltweit. Stundenlang stehen die Leute an, bis die US-Behörden Papiere kontrolliert, Gesichter gefilmt und Wagen durchsucht haben – oft mit Hunden.
Während die einen in die USA hineinwollen, werden die anderen rausgeworfen. Fast täglich parkt vor den Toren Tijuanas ein Bus mit Auszuschaffenden. An der Grenze werden den Männern Handschellen und Fussfesseln abgenommen, dann gehen sie durch die Drehtüre in die neue, alte Freiheit: Bye bye United States of America, Bienvenido México! Abgeschobene müssen zehn Jahre warten, ehe sie wieder auf legalem Weg in die USA einreisen können. Aber weil sich viele von ihnen längst in Nordamerika eingerichtet haben, machen sie es wie die verzweifelten Flüchtlinge aus Mittelamerika oder Afrika: Sie gehen über die Grüne Grenze

Seit etwa zwei Jahren besteht das Listen-System in der mexikanischen Grenzstadt Tijuana. Alle neu Ankommenden erhalten eine vierstellige Zahl, werden notiert und müssen dann warten bis ihre Nummer aufgerufen wird. Ziel der Übung: eine Art Puffer-Zone zwischen MigrantInnen und eigentlicher Grenze zu schaffen – gemäss Hilfsorganisationen gibt es dafür keine rechtliche Grundlage.
Am Anfang dauerte der Prozess ein paar Tage, dann ein paar Wochen, doch inzwischen warten die MigrantInnen monatelang, bis sie bei der Migrationsbehörde der USA vorsprechen können. Bis vor kurzem, erzählt uns ein Venezolaner, der seit Ende Mai in Tijuana festsitzt, sei die Liste öffentlich zugänglich gewesen. Jeder habe sehen können, wann ungefähr er aufgerufen wird. «Das ist jetzt nicht mehr der Fall. Es herrscht Willkür und die Leute, die die Liste verwalten, werden geschmiert.»

Plötzlich leert sich der Tisch unter dem Sonnenschirm und zwei Frauen postieren sich hinter den Absperrungen: die eine mit der Liste in der Hand, die andere mit einem Megafon. Dahinter ein paar stämmige Männer, die mehrmals darauf bestehen, nicht fotografiert zu werden. Inzwischen haben sich rund 150 Migrantinnen vor dem Areal versammelt, die meisten von ihnen aus Afrika, Mittel- und Südamerika sowie aus Haiti. Dann werden die Nummern aufgerufen: 2681, 2682, 2683. Die Aufgerufenen gehen an den beiden Frauen vorbei, und unterschreiben auf dem Weg Richtung USA noch einige Papiere.
Später erzählt uns Guerline Josef von der Haitian Bridge Alliance, eine der vielen Hilfsorganisationen vor Ort, dass früher täglich bis zu siebzig Personen durchgelassen wurden. Heute seien es zehn bis zwanzig, «manchmal weniger».

Wie viele andere MigrantInnen aus Afrika kaufte auch er ein Flugticket nach Quito. Denn im Gegensatz zu anderen lateinamerikanischen Ländern ist die Einreise nach Ecuador sehr einfach. Es war der Beginn einer mehrwöchigen Odyssee, zu Fuss und im Bus. Zwischen Quito und Tijuana liegen mehrere tausend Kilometer.
Jeremy schmierte – wie ihm geraten wurde – die Grenzbeamten in Kolumbien und zahlte auch seine Schlepper für den schwierigsten Teil der Reise: den fünftägigen Marsch durch den Dschungel im Grenzgebiet zwischen Kolumbien und Panama. Mit weit über tausend anderen Frauen und Männern sei er unterwegs gewesen, durch Sümpfe gewatet und durch Flüsse geschwommen. Nachts versuchte er, so gut und sicher wie möglich ein paar Stunden zu schlafen. Wer kein Wasser und nichts mehr zu Essen hatte, trank aus dem Fluss und ass, was er fand – oder aber er wurde Teil des Massengrabs. «Ich habe weit über hundert Tote gesehen», berichtet Jeremy. Liegengeblieben am Wegesrand.
Vor anderthalb Monaten kam er in Tijuana an und erhielt dort eine Nummer: etwas über 3800. Heute schläft er in einem Apartment und teilt Küche und Bad mit anderen Männern aus Afrika. Geld schicken ihm Freunde und Familie, die schon länger in den USA leben. «Anders könnte ich hier gar nicht überleben. Ich habe schliesslich keine Arbeitsbewilligung.» Und auch der Gang über die Grüne Grenze kommt für ihn nicht in Frage. «Ich möchte die Gesetze hier einhalten.»
Die Menschen aus Afrika, die in Tijuana auf Einlass warten, kommen aus Eritrea, aus dem Südsudan, aus Senegal, Liberia oder dem Kongo. Die grösste Community stammt allerdings aus Kamerun. Gemäss dem Onlineportal «Heraldo de Mexico» sind Mitte Juli hundert weitere MigrantInnen aus dem ostafrikanischen Staat in Tijuana eingetroffen. Viele von ihnen haben weder Geld für Essen noch ein Dach über dem Kopf. Aber in Kamerun zu bleiben, war für sie keine Option. Weil sie der englischsprachige Minderheit angehören, wurden sie von der französischsprachigen Mehrheit über Monate hinweg verfolgt, unterdrückt oder gefoltert. Inzwischen herrscht Bürgerkrieg. Laut UNO gibt es mehr als eine halbe Million Vertriebene.

Die Reportage von Romano Paganini wurde am 02.09.im Untergrund-Blättle veröffentlicht.

Am Grenzzaun von Tijuana