In SWP aktuell Nr. 12, März 2019 beschreibt Wolfram Lacher die aktuelle Situation in Libyen:

Die Expansion der Libysch-Arabischen Streitkräfte Khalifa Haftars im Süden Libyens verändert die Kräfteverhältnisse im Land und untergräbt die Bemühungen der Vereinten Nationen (VN), den gewaltsamen Konflikt politisch zu lösen. Indem Haftar an Macht gewinnt, schwindet seine Bereitschaft für Zugeständnisse. Zentrale Akteure in Westlibyen sehen ihn nun als existentielle Bedrohung an.

Haftars Expansion im Süden habe das seit Sommer 2017 bestehende Gleichgewicht beendet.

Haftar besitzt nun die Oberhoheit über nahezu die gesamte libysche Erdölproduktion und den Großteil des Staatsgebiets außerhalb Tripolitaniens. Libysche und internationale Akteure bewerten jetzt seine Chancen neu, in Tripolis die Macht zu ergreifen. […]

Trotz Haftars Erfolgen bleibt der Süden umstrittenes Gebiet. Seine Autorität in den neu gewonnenen Städten ist noch schwach. Er hat bislang nur in begrenztem Umfang Truppen in den Süden verlegt. Stattdessen setzte er vor allem auf die Kooperation oder Käuflichkeit lokaler bewaffneter Gruppen. Die Bevölkerung des Südens ist schwer bewaffnet. Haftar wird bei der Verfolgung politischer Gegner umsichtiger vorgehen müssen, als er das im Osten Libyens getan hat.Das größte Hindernis für Haftars uneingeschränkte Herrschaft über den Süden bilden Teile der Ethnie der Tubu. Um ihren Kooperationswillen zu beweisen, hatten bewaffnete Gruppen der Tubu ihre Stellungen in Sabha Haftars Verbänden übergeben, was Letztere jedoch als »Eroberung« dieser Positionen darstellten. Bei der Übernahme Sabhas stützten sich Haftars Verbände zudem auf Milizen der Awlad Suleiman, die seit 2012 mehrmals mit bewaffneten Gruppen der Tubu offene Konflikte ausgetragen hatten. Für Verstimmung unter Tubu-Führern sorgte auch die Darstellung der Haftar unterstützenden Medien, es gehe bei der Offensive darum, »tschadische Banden« zu bekämpfen. Zwar waren tschadische und sudanesische Gruppen in den letzten Jahren tatsächlich zu einem Faktor wachsender Unsicherheit im Süden geworden. Der Begriff »tschadische Banden« hatte aber schon in den Konflikten in Sabha seit 2012 als Code für – sowohl libysche als auch tschadische – Tubu gedient. Die Formulierung kann kaum für bare Münze genommen werden – schließlich ist Haftar selbst führender Kommandeur tschadischer und sudanesischer Kämpfer in Libyen. Haftars Strategie für die Übernahme Sabhas empörte daher auch viele Tubu, die ihn zuvor unterstützt hatten. Bewaffnete Gruppen der Tubu leisteten entsprechend hartnäckigen Widerstand gegen die Verbände Haftars in Murzuq. Ungewiss bleibt, ob Haftar Uneinigkeit in den Reihen der Tubu ausnutzen kann, um diesen Widerstand zu überwinden. Sollte er die Unterstützung einflussreicher Tubu-Kommandeure gewinnen, könnten seine Gegner und die mit ihnen assoziierten tschadischen Kämpfer gezwungen sein, sich in die Nachbarstaaten Niger oder Tschad abzusetzen – was sich destabilisierend auf diese Länder auswirken würde. Sollte sich der Konflikt dagegen entlang ethnischer Linien verhärten, würde das seine Intensität steigern. […]

Auf die Rolle und Situation der zivilen Bevölkerungen geht Lacher nicht ein. Er beschreibt Szenarien für die weitere Entwicklung, wobei er einen langen Krieg niedriger oder mittlerer Intensität für das wahrscheinlichste hält.

Haftar […] dürfte versuchen, langsam vorzurücken, indem er Uneinigkeit unter seinen Gegnern ausnutzt und sich Loyalität erkauft. Außerhalb Ostlibyens hat Haftar eine direkte Konfrontation mit anderen Kräften meist vermieden. So hat er seine Gegner gezwungen, zu reagieren und die Rolle der Aggressoren zu übernehmen. Eine weitgehend friedliche Übernahme ganzer Landstriche wie im Süden ist in Westlibyen jedoch ausgeschlossen. […]

Im Westen dagegen gibt es in mehreren Städten bedeutende militärische Kräfte, die tief ins soziale Gewebe eingebettet sind. Sie gehen auf den Krieg gegen das Qadhafi-Regime 2011 zu-rück und lehnen autoritäre Herrschaft ab. Sie müssen befürchten, dass sie nach einer Machtübernahme Haftars harter Repression ausgesetzt wären. Und schließlich würde ein Vorrücken Haftars in Tripolitanien unmittelbar die Machtfrage aufwerfen. Jeder Versuch Haftars, die Kontrolle über Tripolis zu erlangen, hätte deshalb mit hoher Wahrscheinlichkeit einen großflächigen und langwierigen Konflikt zur Folge.

„Gefährliche Wendung in Libyen“