In Palermo hat ein Richter einen Mann aus Eritrea freigelassen, der seit drei Jahren in Italien in Haft saß, weil er beschuldigt wurde, der Kopf einer Schlepperbande zu sein, die mindestens 13.000 Menschen nach Europa geschleust hat. Medhanie Tesfamariam Berhe war am 24. Mai 2016 im Sudan verhaftet und wenige Tage später nach Italien ausgeliefert worden, wo er zu fünf Jahren Haft wegen Begünstigung der illegalen Einwanderung verurteilt wurde. Seine Verhaftung hatten britische und italienische Behörden als großen Coup gegen das Schlepperwesen präsentiert, doch schon bald danach meldeten einige britische Zeitungen Zweifel an: es könnte sich um eine Verwechslung handeln. Dies hat ein Strafgericht in Palermo nun bestätigt und die sofortige Freilassung von Berhe angeordnet.

Eritrean man released from jail in Italian mistaken identity case

Judge acquits Medhanie Tesfamariam Berhe of being a human trafficking kingpin

A Palermo judge has acquitted an Eritrean man of being a human trafficking kingpin, confirming he was the victim of mistaken identity when he was arrested more than three years ago in a joint operation between Italian and British authorities.

The arrest of Medhanie Tesfamariam Berhe in 2016 was presented to the press as a brilliant coup by Italian and British authorities, who mistook him for one of the world’s most-wanted human traffickers, Medhanie Yehdego Mered, aka the General.

But Judge Alfredo Montalto of the criminal court of Palermo on 12 July rejected prosecutors’ claims and ordered the immediate release of Berhe, who was arrested in Khartoum, Sudan, on 24 May 2016 with help of the British National Crime Agency and the Sudanese police.

“It was a case of mistaken identity,” the judge said. “The man in prison was wrongly arrested.” […]

The Guardian | 12.07.2019

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L’uomo eritreo accusato per errore di essere un trafficante sarà rilasciato

Da tre anni si trovava in carcere in Italia per uno scambio di persona, riconosciuto oggi dalla Corte d’Assise di Palermo

Medhanie Tesfamariam Berhe, l’eritreo che da tre anni è detenuto in un carcere italiano per uno scambio di persona, sarà rilasciato. L’ha deciso oggi la Corte d’Assise di Palermo, chiudendo un caso di cui negli anni scorsi si sono occupati i principali giornali internazionali (e il Post, a più riprese) ma che in Italia è passato quasi inosservato.

Formalmente Berhe è stato condannato a cinque anni per favoreggiamento dell’immigrazione clandestina perché ha avuto contatti con un trafficante di esseri umani: ma la Corte ha certificato che per anni è stato scambiato per errore con Medhanie Yehdego Mered, un uomo eritreo di 36 anni accusato di essere uno dei capi di una grande organizzazione con base in Libia che gestisce il traffico di migranti verso l’Europa. Berhe sarà rilasciato perché ha già trascorso in carcere il periodo massimo di detenzione previsto per il reato di favoreggiamento dell’immigrazione clandestina, tre anni.

Il Post | 12.07.2019

Dass es oft die Falschen trifft, wenn die Justiz gegen vermeintliche Schlepper vorgeht, dokumentiert ein Beitrag auf dem Portal Deportation Monitoring Aegean. Akribisch hat die auf Lesbos ansässige Organisation Christian Peacemaker Teams Lesvos (CPT-Lesvos) 41 Gerichtsverfahren beobachtet und ist dabei zu zwei bemerkenswerten Ergebnissen gekommen:

  •  die Prozesse dauern im Schnitt keine halbe Stunde, sind also juristisch gesehen eine Farce.
  •  die durchschnittliche Strafe beträgt 44 Jahre Gefängnis und ein Bußgeld in Höhe von 370.000 €.

Verurteilt werden in der Regel Migranten, die das Boot steuern, weil sie so weniger Geld für ihre eigene Überfahrt oder die ihrer Familie aufbringen müssen oder aber junge Männer aus der Türkei, die für ein Taschengeld angeheuert werden, ohne zu wissen, worauf sie sich einlassen.

The war against smuggling – Incarcerating the marginalized

The following short report is based on data collected by the organization Christian Peacemaker Teams Lesvos (CPT-Lesvos) who has been monitoring smuggling trials since 2014. All graphs have been made by CPT-Lesvos. An in-depth analysis of the data collected will be published in autumn 2019.

Criminalizing Migration and Escape Aid

Many people who reach the Greek islands in rubber dinghies have been travelling for months or years to find freedom and safety in the European Union. But surviving the crossing of the Aegean Sea from Turkey to Greece does not mean that they eventually reached safety.

On the Greek hotspot islands, some migrants are regularly arrested from their boats and directly detained and accused of human smuggling. […]

Deportation Monitoring Aegean | 15.07.2019

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Video: Incarcerating Refugees – The EU’s fight against human smuggling

Not only European sea rescue organizations are criminalized. Hundreds of migrants seeking protection in Europe are immediately arrested after their arrival by boat on the Greek Islands. They are accused of human smuggling.

The police is looking for the people who were driving the boat. These people are either refugees who could not afford their journey in a rubber dinghy and accept to steer the boat or Turkish citizen not knowing the risk they occur.

https://youtu.be/q35_2-EJle0

Auch in Malta läuft seit Ende März ein Verfahren gegen vermeintliche Schlepper, das eher ein Hohn auf die erklärte Absicht der EU ist, sie wolle dem organisierten Menschenhandel das Handwerk legen. Angeklagt sind drei Jugendliche im Alter von 15, 16 und 19 Jahren. Sie sollen den türkischen Tanker El Hiblu 1, der vor der libyschen Küste 108 Boat-people gerettet hatte, gekapert ud genötigt haben, Kurs auf Malta zu nehmen, nachdem sie gehört hatten, dass alle Geretteten nach Libyen zurückgebracht werden sollten. Daraufhin hat die Staatsanwaltschaft sie wegen „terroristischer Aktivitäten“ angeklagt. Das Menschenrechtsbüro der UN hat Malta aufgefordert, die „übertriebenen Terroranschuldigungen“ gegen die drei Migranten aus Guinea und der Elfenbeinküste fallenzulassen Trotzdem mussten sie am 20. Mai vor Gericht erscheinen. Im Falle einer Verurteilung drohen ihnen hohe Gefängnisstrafen.

El Hiblu Hijack – UN Calls On Malta To Drop ‘Exaggerated’ Terrorism Charges Against Teenage Migrants

The United Nations’ human rights office has called on Malta to drop the “exaggerated” terrorism charges against three African teenage migrants arrested for hijacking El Hiblu, a small commercial tanker.

The three, who have pleaded not guilty to the charges, reportedly hijacked the vessel in an attempt to avoid returning to Libya. At the time, ‘El Hiblu’ was carrying 108 migrants rescued off the Libyan coast.

The teenagers (one from Ivory Coast and two from Guinea) were arrested on March 28 and are due to appear in court on May 20. They are aged 15, 16 and 19. If found guilty they could face life in prison.

At a press conference, UN spokesperson Ravina Shamdasani expressed the body’s deep concern over the severity of the charges.

“Even though two of them are minors, all three of the accused were held in the high-security division of an adult prison after the authorities reportedly interrogated them without being appointed legal guardians or placed in the care of independent child protection officials, responsible for ensuring their best interests.” […]

Lovin‘ Malta | 09.05.2019

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Malta klagt Flüchtlinge wegen Terror an

Die Staatsanwaltschaft von Malta hat drei Flüchtlinge wegen „terroristischer Aktivitäten“ angeklagt. Sie wirft den Teenagern im Alter von 15, 16 und 19 Jahren vor, vor zwei Wochen das Tankschiff „El Hiblu 1“ in ihre Gewalt gebracht und nach Malta umgeleitet zu haben.

Die Angeklagten gehören zu einer Gruppe von insgesamt 108 Flüchtlingen, die mit ihren zwei Schlauchbooten am 26. März im zentralen Mittelmeer in Seenot geraten waren. Da die Europäische Union in dem Seegebiet jede Rettungsaktion eingestellt hat und die libysche Küstenwache unerreichbar blieb, wurden die Flüchtlinge vom privaten Tankschiff „El Hiblu 1“ gerettet.

Was sich dann an Bord des Schiffs genau abspielte, ist nicht völlig klar. Aus den verfügbaren Informationen ergibt sich aber folgender Hergang: Als die Flüchtlinge an Bord realisierten, dass sie zurück nach Libyen gebracht werden sollten, brach Panik unter ihnen aus. Einige drohten damit, über Bord zu springen, wenn das Schiff nicht umgehend den Kurs ändere.

Schließlich soll eine Gruppe von rund 30 Flüchtlingen vor der Brücke erschienen sein und gedroht haben, das Schiff zu zerstören, wenn es weiter in Richtung Tripolis fahre. Die einzige „Bewaffnung“ der Flüchtlinge sollen Werkzeuge gewesen sein, die an Bord lagen. Der Kapitän lenkte schließlich ein und nahm Kurs auf Malta.

Als er die dortigen Behörden verständigte, verboten ihm diese, in Malta anzulegen. Sie warfen dem aus der Türkei stammende Kapitän vor, er sei selbst Araber. Um trotzdem landen zu können, behauptete der Kapitän, das Schiff stehe „unter Kontrolle von Piraten“. Daraufhin alarmierten die Behörden die Armee und eine Spezialeinheit stürmte das Schiff.

Während der Kapitän anscheinend dem Druck verzweifelter Flüchtlinge nachgab, behaupteten die Behörden und die Medien von Anfang an, die Flüchtlinge hätten das Schiff gewaltsam gekapert und unter ihre Kontrolle gebracht – eine Version, die offenbar auch der Anklage gegen die drei Flüchtlinge zugrunde liegt.

Den Teenagern, die aus Guinea und der Elfenbeinküste stammen, drohen bei einer Verurteilung drakonische Haftstrafen zwischen sieben und dreißig Jahren. Die Amtsrichterin Donatello Frendo Dimech hat ihre Freilassung gegen Kaution mit der Begründung verweigert, sie hätten dafür weder ausreichende Beziehungen in Malta noch die nötigen finanziellen Mittel. […]

wsws.org | 08.04.2019

Freilassung statt Knast: Der Kampf der EU gegen die Schlepper trifft die Falschen