FFM-Texte

Aktuelles

  • In der 150 Kilometer südlich von Tripolis liegenden Stadt Mizda wurden in dieser Woche mehr als 30 Migranten umgebracht und mindestens 11 weitere verletzt. Nach Angaben des libyschen Innenministeriums und der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ sei das Massaker ein Racheakt gewesen. Eine Miliz haben den Tod des Chefs einer Gruppe von Menschenhändlern vergelten wollen. Bei dem Mann soll es sich um Youssef Bassor al Jreed handeln, der lokalen Quellen zufolge einer der mächtigsten Menschenhändler des Landes war.

  • Während Corona die Schlagzeilen dominiert, ertrinken weiter Flüchtlinge im zentralen Mittelmeer. Europäische Staaten weigern sich mittlerweile sogar, Menschen in Seenot zu retten. Militärschiffe erhalten die Erlaubnis sich zurückziehen, sobald Flüchtlingsboote auftauchen.

  • 1. In einem Beitrag zur causa Mbembe hat Michael Pesek, der sich mit der deutschen Kolonialgeschichte ausgiebig beschäftigt hat, wohl zu Recht darauf verwiesen, dass sowohl die Diskurstheorie wie auch der postkoloniale Diskurs der Wirklichkeit der postkolonialen Staatlichkeit in vielen Regionen Afrikas nicht entsprechen, und schon gar nicht im Sahel.((Michael Pesek, Was weiß der Postkolonialismus vom Kolonialismus?, FAZ 04.05.2020)) Algerien war sicherlich die große Ausnahme. Achille Mbembe habe sich auf Fanon bezogen, aber er habe dem postkolonialen Staat in Afrika in Du gouvernement privé indirect  keinerlei Totalität zugesprochen, sondern vielmehr die Mächtigen des heutigen Afrikas mit einem brutalen, aber auch lächerlichen Behemoth verglichen. „Herrschende und Beherrschte sind in einem grotesken Wechselspiel verbunden.“ Mbembe ist nicht zuerst ein postkolonialer Theoretiker, sondern auch ein Autor, der einen schwarzen Kosmopolitanismus beschrieben und quasi herbeigeredet hat((Achille Mbembe, The New Africans, Between Nativism and Cosmopolitanism (2002), in: Peter Geschiere et al., Readings in Modernity in Africa, Bloomington 2008, S. 107)) und es wäre allein schon in dieser Hinsicht ein großer Verlust, wenn seine klugen Interventionen im Strudel der Kritik an BDS, welches als Antisemitismus gezielt missverstanden wird,  beschädigt werden würden. Im gleichen Jahr wie Mbembe hat, wie Pesek weiter schreibt, auch der amerikanische Politikwissenschafter Jeffrey Herbst ein Buch über den Staat in Afrika veröffentlicht.((https://en.wikipedia.org/wiki/States_and_Power_in_Africa:_Comparative_Lessons_in_Authority_and_Control)) „In dieser Sichtweise auf den kolonialen Staat folgten in den nächsten Jahren viele Historiker. Für den Gegensatz von absoluter Macht, die der koloniale Staat für sich beanspruchte, und den geringen Ressourcen für die Umsetzung dieser Ansprüche hat der Historiker Frederik Cooper das Bild der Insel geprägt. Nur an einigen Orten konnten die Europäer eine wirkliche Kontrolle über die Afrikaner etablieren: in den kolonialen Ballungszentren, in Minen und Plantagen und in der Kaserne.“ Es geht hier nicht darum, ob die Historiker*innen gegenüber den Literaturwissenschaften in den akademischen Debatten wieder etwas Gleichgewicht gewinnen, aber wir sollten uns erinnern, dass sowohl Spivak wie auch Mbembe sich im Ursprung mit konkreten historischen Themen des antikolonialen Widerstands auseinandergesetzt haben. Eine gebührliche Auseinandersetzung mit Autor*innen wie Cooper, Mbembe oder Spivak ist ohnehin nur möglich, wenn wir den konkreten Versuch, uns an die Seite der Verlorenen zu stellen, nicht aufgeben. 2. Wir haben in einem der letzten Posts auf das Werk von James Scott verwiesen – seit den frühen 80er Jahren waren wir von seiner Übertragung der Thompsonianischen „Moral Economy“ auf Südost-Asiatische Verhältnisse inspiriert((https://en.wikipedia.org/wiki/The_Moral_Economy_of_the_Peasant:_Rebellion_and_Subsistence_in_Southeast_Asia)) und sind auch seiner Anregung, anders als ein Staat zu denken, gern gefolgt.((https://en.wikipedia.org/wiki/Seeing_Like_a_State)) Es erscheint uns sinnvoll, an Scott, Mbembe, Herbst, Cooper anzuschließen und  die missglückte Staatlichkeit im Sahel in der Debatte über MINUSMA stärker zu betonen. Versuchen, die Dinge nicht wie ein Staat zu sehen. Territorialstaaten Typ 1648 sind im Sahel keine Friedenslösung. Und die Militärmissionen Europas und der USA sind, wie der französische Politikwissenschaftler Marc-Antoine Pérouse de Montclos erklärt, schädlich: Der Krieg ist nicht zu gewinnen, denn das Grundproblem ist kein militärisches. Die Lösung ist in erster Linie politisch, denn das Grundproblem ist schlechte Regierungsführung und die Unfähigkeit der Staaten, Konflikte anders als durch Repression zu lösen. […] Im Moment hält die internationale Gemeinschaft korrupte und oft autoritäre Regime künstlich an der Macht. Militär- und Finanzhilfe ermutigt nicht zu Reformen, sie ist eine Art Lebensversicherung für diese Regime.((„Der Krieg ist nicht zu gewinnen“: Interview mit Marc-Antoine Pérouse de Montclos. In: taz, 09.03.2020)) Vor fünf Jahren hat der US-Afrikanist Gregory Mann ein Buch unter dem sprechenden Titel veröffentlicht: From Empires to NGOs in the West African Sahel. The Road to Nongovernmentality. ((Gregory Mann (2015), From Empires to NGOs in the West African Sahel. The Road to Nongovernmentality. Cambridge University Press)) Während der Hungerkatastrophe 1973-74 seien die NGOs als formatives Moment der internationalen Politik in Erscheinung getreten und hätten dem Sahel ein neues Gesicht gegeben. Mann beschreibt dies anhand des Verkehrs in der Nähe einer Straßensperre: Whatever “government” is on these roads, it is stationary, present at the border crossings between administrative districts, absent for long stretches, immobile. Take your motorbike; gendarmes and customs agents will wave to you as you pass. It’s the NGOs that are on the move. They are visible, powerful, and appear to be unstoppable. […] Empirically, the Sahel is characterized by mobility: human, pastoral, essential. Seen from the outside, it is bound by poverty, stitched together by foreign aid and interventions, and held in the loose grip of more or less feeble states. This perception is not new. It is, however, inadequate. Closer to the mark is the idea that in countries such as Mali and Niger, „aid functions like a form of govern-mentality“, manipulated by states and NGOs alike. Den nächsten Einbruch in der Geschichte der postkolonialen Sahelstaaten markierte der Einmarsch der französischen Truppen im Januar 2013, die der Bamako-Regierung gegen die Aufstände im Norden Malis zur Hilfe kamen und den Sahel bis heute nicht wieder verlassen haben. Die UN-Mission MINUSMA sollte die französische Operation Sérval mit 11.000 Soldaten absichern; hinzu kommen von Seiten Europas die EUCAP Sahel und EUTM Mali als Hilfen beim Aufbau eines malischen Militärs. Seit 2015 und im Zusammenhang der Externalisierung der europäischen Abschottungspolitik haben die französischen Fremdenlegionäre der Operation Barkhane, in Zusammenarbeit mit MINUSMA und G5-Sahel einen Bedeutungswandel erfahren, der als Kombination von Migrationskontrolle und Counterinsurgency beschrieben werden kann. In der Tat operiert G5-Sahel ausschließlich in den Grenzzonen zwischen den Sahelstaaten;((https://migration-control.info/wiki/g5-sahel/)) besonders die Soldaten aus dem Tschad sind dort eine der marodierenden Kriegsparteien. Das Zusammenspiel von MINUSMA, Operation Barkhane und G5-Sahel wird übrigens derzeit von der US-Regierung hinterfragt, die einen Amerikaner an die Spitze von MINUSMA stellen und den Einsatz limitieren möchte: The French want to adapt the mission and expand its mandate to support operations beyond Mali’s border, an initiative that comes with greater costs, officials familiar with the matter said. But the Trump administration – which have shown greater skepticism toward the U.N. and tried unsuccessfully last year to shave 2,000 troops from the Mali mission – is expected to renew its campaign to cap costs and troop levels, several U.S. officials familiar with the matter said. The United States wants to advance a plan in which the mission has

  • Am 9. Februar erreichte das Alarm Phone ein Notruf von einem schwarzen Schlauchboot, das in Seenot geraten war. 91 Boat-people befanden sich an Bord. Das Boot war in derselben Nacht von Garabulli in Libyen aus gestartet. Nach knapp zwei Stunde brach der Kontakt zu den Boat-people ab, das Boot ist seitdem verschwunden. Was mit den Menschen geschehen ist, ist noch immer unklar.

Schwerpunkte

Mittelmeer

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Migrationsbewegungen über das Mittelmeer, Seenotrettung

Sahel

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Externalisierung der EU-Grenzen, EU-Intervention, soziale Aufbrüche

MENA

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Mobilität, Repression und soziale Aufbrüche nach der arabischen Revolution

Schengen-Migration

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Kampf an den Binnengrenzen, informelle Migrationsbewegungen

Aus dem Archiv

Das Mittelmeer als Raum der Abschreckung
Der lange Sommer der Migration
FFM-Hefte

Fortführung der Internet-Seite Migration Control

Die Internet-Seite migration-control.taz.de soll in naher Zukunft durch die FFM e.V. unter dem Namen migration-control.org weiter geführt werden. Schwerpunkt der Seite bleibt die Dokumentation der Externalisierung der EU-Grenzen und die Aufrüstung diktatorischer Regimes in der Nordhälfte Afrikas. Vor der Übernahme muss die Seite aktualisiert, ins Französische übersetzt und technisch neu gestaltet werden. Das kostet Geld, das wir als FFM e.V. alleine nicht aufbringen können. Deshalb sind wir auf der Suche nach Menschen, die das Projekt wichtig genug finden, um es auch finanziell zu unterstützen.

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