Beat Stauffer 03.04.2020, 05.30 Uhr
 
[…] Die Lage für Flüchtlinge und Migranten im Maghreb war noch nie schlimmer als in diesen Tagen. Denn die Angst vor einer weiteren Ausbreitung des Coronavirus führt alle Maghrebstaaten dazu, sich nun vor allem um Präventionsmassnahmen zum Schutz der eigenen Bevölkerung zu kümmern. Allein dies ist ein gewaltiges Unterfangen, hat doch die Ausgangssperre für die ärmsten Menschen im Maghreb – für Tagelöhner, alleinstehende Frauen, Arbeitslose und Kranke – verheerende Auswirkungen. Millionen von Menschen wissen nicht mehr, wie sie ihren Alltag bestreiten sollen.

[…] Am schlimmsten ist die Lage in Libyen. Mindestens 700 000 Menschen aus Staaten südlich der Sahara befinden sich im Land. Die meisten dürften Gastarbeiter sein, wenn sich der Begriff in diesem Kontext nicht verböte. Viele sind aber auch auf ihrem Weg nach Europa gestrandet und versuchen, sich die Überfahrt als Tagelöhner zu verdienen. Sie stehen weiterhin Morgen für Morgen an den Strassenkreuzungen und Verkehrskreiseln in Tripolis und zahlreichen anderen Städten auf der Suche nach Arbeit. Doch zu verdienen gibt es nichts mehr, seit die Arbeitgeber aufgrund der weitgehenden Ausgangssperre zu Hause bleiben. Auch die Baufirmen, die Maler- und Gipsergeschäfte, in denen vorwiegend Afrikaner gearbeitet hatten, haben geschlossen.

Nun sind fast alle diese Migranten ihrem Schicksal überlassen. Sowieso schon schlecht behandelt, ausgebeutet und stigmatisiert, können sie zudem meist nicht mehr einkaufen, da viele der einfachen Märkte und kleinen Läden dichtgemacht haben. Auf medizinische Versorgung in Notfällen können sie nur in seltenen Fällen hoffen, auf Almosen ebenso wenig. […]

Nach dem Abflauen der Corona-Pandemie in den Maghrebstaaten dürften viele junge Maghrebiner erst recht auf eine Ausreise nach Europa setzen. […]
 
Zwar sollen, etwa in Marokko, Menschen, die im informellen Sektor tätig sind, schon bald eine minimale finanzielle Unterstützung erhalten. Ob dies funktioniert und ob diese Zahlungen ausreichen, um diese Menschen notdürftig zu versorgen, wird sich erst noch zeigen. Klar ist aber: Ressourcen für Flüchtlinge und Migranten dürften kaum zur Verfügung stehen.

Europa sollte den Maghrebstaaten in dieser schwierigen Situation unter die Arme greifen. Mit Überlebenshilfe für Flüchtlinge und Migranten, vielleicht auch mit Unterstützung für die Ärmsten in diesen Ländern. […]
Die irreguläre Migration vom Maghreb in Richtung Europa ist in den letzten Wochen fast vollständig zum Erliegen gekommen. Aufgrund der strikten Ausgangssperre sind nun die Transporte vom Landesinnern hin zur Küste kaum mehr möglich. Zudem sind die See- und Landgrenzen geschlossen. Sowohl für afrikanische Flüchtlinge wie auch für die maghrebinischen «Harraga» (irreguläre Migranten) ist es nun fast unmöglich geworden, illegal nach Europa auszureisen.  […]

Von den Küsten Nordafrikas legen deshalb zurzeit so wenige Boote ab wie seit Jahren nicht mehr, und die Zahlen der Ankünfte von Flüchtlingen und Migranten im Süden Europas sind sehr tief. Laut dem UNHCR haben im März 2020 gerade einmal 241 Migranten die Küsten Italiens erreicht.

Doch das wird nicht so bleiben. Nach dem Abflauen der Corona-Pandemie in den Maghrebstaaten dürften viele junge Maghrebiner erst recht auf eine Ausreise nach Europa setzen, da sie noch weniger als zuvor an Perspektiven in ihren Ländern glauben. Und auch die Fluchtbewegungen aus den Staaten südlich der Sahara könnten schon bald wieder stark anschwellen. Wenn sich Europa nicht schon jetzt anschickt, neue Strategien für den Umgang mit dem zu erwartenden Zustrom von Migranten und Flüchtlingen zu entwickeln, ist es absehbar, dass es schon in wenigen Monaten zu einer weiteren Einwanderungskrise kommen wird.

Maghreb: Geflüchtete und Migrant*innen in katastrophaler Lage