Die zunehmende Verarmung der Unterschichten im Libanon während der Jahre des Syrienkriegs wird nur gelegentlich in Medien und Öffentlichkeit diskutiert. Wenn nun Seehofer im Vorfeld des morgigen Treffens der europäischen Innenminister in Luxemburg vor einer neuen “Flüchtlingswelle” warnt, erinnern wir uns, dass die Kürzung der Lebensmittelrationen in den Flüchtlingslagern des Libanon einer der Auslöser der großen Migrationsbewegung von 2015 war.

Die Armut konzentriert sich in bestimmten Regionen des Libanon; die Armut der lokalen Bevölkerung und der Refugees verstärken sich gegenseitig.

Im Libanon Crisis Response Plan 2017-2020 (2019 Updated) heißt es:

The conflict in Syria has significantly impacted Lebanon’s social and economic growth, caused deepening poverty and humanitarian needs, and exacerbated pre-existing development constraints in the country. […]

Unemployment and high levels of informal labour were already a serious problem pre-crisis, (and) is particularly high in some of the country’s poorest localities: in some areas, it is nearly double the national average, placing considerable strain on host communities. Both Lebanese and displaced Syrians perceive that long-standing inequalities are deepening, and competition for jobs and access to resources and services remain drivers of tension at the local level. The economic downturn has had a disproportionate effect on young people entering the workforce: Lebanon’s youth unemployment rate is 37 per cent, compared with a 25 per cent national average. […]

Many of the most vulnerable communities in Lebanon are concentrated in specific pockets of the country: the majority of deprived Lebanese (67%) and persons displaced from Syria (87%) live in the country’s most vulnerable cadastres. However, after eight years, Lebanon has suffered the impact of being a host country, on all levels and across all regions. Vulnerable Lebanese households face a decrease in income, which has left them increasingly unable to meet basic needs, including food and healthcare. Displaced Syrian households and Palestinian refugees from Syria are suffering the impact of protracted displacement, sinking deeper into debt and resorting to negative coping mechanisms as they struggle to meet their families’ needs. Palestinian refugees from Lebanon also face challenges, including multi-generational poverty and a lack of access to decent work opportunities. These conditions continue to fuel serious protection concerns and lead to high levels of marginalization and vulnerability.

Eight years into the conflict, poverty levels are high and the long-term resilience of the country’s vulnerable communities is eroding as they run out of savings and struggle to access income. At present, an estimated 28.5 per cent of Lebanese live below the poverty line, of which 470,000 are children. More than 69 per cent of displaced Syrians are living below the poverty line, along with 65 per cent of Palestinian refugees from Lebanon and 89 per cent of Palestinian refugees from Syria, who are one of the most vulnerable groups in the region. Overall, 97 per cent of households resort to some type of livelihood coping strategy.

1,5 Millionen Refugees aus Syrien leben im Libanon, bei einer Gesamtbevölkerung (einschließlich der Refugees) von 5,9 Millionen, und davon 3,2 Millionen in Armut und Not. Aber nicht darauf ist die drohende Bankenkrise im Libanon zurück zu führen, über welche Spiegel-Online in der letzten Woche berichtet hat. Die Finanzkrise beruht wesentlich auf der Konkurrenz der Machtblöcke und dem Verlust der Subventionen aus Saudi Arabien, dem Iran und den westlichen Geberländern.

Seit dem Ende des Bürgerkriegs betrachten die verschiedenen christlichen, schiitischen, sunnitischen, drusischen Machtblöcke den Staat als Beute, den sie entlang der Proporzlinien plündern.

Der Libanon ist ein Staat im Rückbau, von einer hoch entwickelten Infrastruktur ist er auf Drittweltniveau abgestürzt. Es gibt keine Züge, keinen öffentlichen Nahverkehr mehr. Die Stromversorgung fällt immer wieder für Stunden aus. Beiruter bekommen ihr Leitungswasser per Lastwagen, und die 2015 kollabierte Müllentsorgung begrüßt Ankömmlinge am Beiruter Flughafen bis heute mit beißendem Verwesungsgeruch, je nach Windrichtung. […]

Jahrelang ging das gut, solange die ausländischen Patrone ihrer jeweiligen Klientel die Rechnung bezahlten. Doch Saudi-Arabiens auftrumpfender Kronprinz Mohammed bin Salman will nicht mehr zahlen. Iran wiederum kann nicht mehr zahlen, jedenfalls nicht mehr so viel wie früher, da die neuen US-Sanktionen gegen Teheran die dortige Wirtschaft strangulieren.

Die westliche Gebergemeinschaft hat 2018 ein elf Milliarden Dollar schweres Hilfspaket aufgelegt, gebunden allerdings an Korruptionsbekämpfung und Reformen der aufgeblähten Verwaltung sowie der gigantischen Subventionen für die trotzdem nicht funktionierende Energieversorgung. Die Gelder sind bis heute eingefroren. Die Ratingagentur Fitch hat Libanons Kreditwürdigkeit bereits auf Ramschniveau gesenkt.

In der Türkei, Libanon, Jordanien, Irak und Ägypten lebten Ende 2018 mehr als 5,6 Millionen registierte Geflüchtete. Da die Grenzen nach Syrien meist überwacht oder geschlossen waren, hat sich diese Zahl in den letzten 2 Jahren nicht grundlegend verändert. Im August 2019 gab es im Libanon 924.161 registrierte Refugees in 210.271 Haushalten; es kommen aber gut 500 000 nicht registrierte Refugees hinzu. Die für Regional Refugee & Resilence Plan 2019 des UNHCR bereitgestellten Mittel betrugen in den letzten Jahren nie mehr als 54% des Bedarfs, in 2017 und 2018 waren es 45%. Dem entsprechend leiden 1/3 der Haushalte unter Food Insecurity und werden mit Lunch-Paketen notdürftig versorgt. 73% der Refugees über 15 haben keine legale Unterkunft. Mehr als die Hälfte der Kinder geht nicht zur Schule.

In einer Reportage schrieb Globalvoices im Januar 2019:

Die meisten syrischen Flüchtlinge im Libanon haben keine Ausweisdokumente, wodurch ihre Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist, und das trotz der angeblichen Vorteile der offiziellen Politik des UNHCR, Alternativen zu Flüchtlingscamps zur Verfügung zu stellen. Ohne offizielle Anschrift erhalten viele der Geflüchteten keine Hilfe und müssen Wuchermiete zahlen für Unterkünfte, die sich in extrem schlechtem Zustand befinden, oder für ein kleines Stück Land, auf dem sie ihre Zelte aufstellen können. Orte, an denen geflüchtete Familien (teilweise bis zu hunderte) zusammenkommen, werden einfach als „Zusammenkünfte“ bezeichnet.

Noch vor einigen Jahren erhielt jede Familie monatlich etwa 260.000 libanesische Pfund (rund 150 Euro) vom UNHCR. Doch die Mittel des UNHCR wurden so drastisch gekürzt, dass Geflüchtete kein Geld mehr erhalten, sondern nur noch ein Essenspaket. Für die Kosten für die medizinische Versorgung oder für Benzin für Heizgeräte (die im Winter unerlässlich sind) müssen sie selbst aufkommen.

Im Jahre 2015 war es Menschen aus Syrien, die einen Pass hatten, leicht möglich, mit Flugzeug oder Schiff in die Türkei zu reisen und von dort aus weiter über die Ägäis. Für die Menschen ohne Papiere gab es Schmuggelrouten, für teuer Geld. Für Flüchtlingsboote liegen die Türkei und Zypern in Reichweite, aber die Ersparnisse der Refugees sind aufgebraucht. 9 von 10 Haushalten sind verschuldet.

Refugees und Armut im Libanon