Der Terminus “Leaderless Revolution” macht leicht vergessen, dass es die Mobilisierung der KP in den Stadtteilen seit 2016 wichtige Grundlagen geschaffen hat, vor allem in Ordouman. Die SPA hat sich binnen weniger Monate von einem Gewerkschaftsverband zum jakobinischen Sprachrohr gewandelt. Die kluge Zurückhaltung der KP war ein wichtiges Moment für die Ausbreitung des Aufstands.

Die Mobilisierung in den Nachbarschaften war in der ersten Phase wesentlich durch Whatsapp- und Facebook-Gruppen getragen. Das Sit-in vor dem MHQ vom 06. April bis zum 03. Juni gehört zu den best-dokumentierten revolutionären Ereignissen der Welt – es gibt zahllose Videos und Bilder, teils von ikonischem Charakter, wie die Sängerin im nubischen Gewand oder die Jugendlichen, deren Aufgabe es war, Tränengasgranaten mit Eimern abzudecken. Es entwickelte sich ein arbeitsteiliges, von Neighborhood Resistance Comittees organisiertes Geschehen.

Nach der militärischen Räumung vom 03.06. und der Abschaltung des Internet haben sich die Methoden der Mobilisierung geändert. Die Kommunikation war begrenzt auf das Internet und auf den Besitz ägyptischer SIM-karten. Damit fiel den aktivistischen Schichten eine zusätzlich notwendige Rolle zu. Die Mobilisierung für den „March of Millions“ am 30.06. erfolgte überwiegend durch „door-to-door-knocking“ durch die Nachbarschaftskomitees und über SMS-Ketten. Hinweise auch im Standarrd vom 04.07.

Die Revolution begann am 13. Dezember wie ein typischer Brotaufstand. Die Frage der Versorgung mit lebenswichtigen Gütern ist mit der politischen Überformung des Aufstands in den Hintergrund getreten. Besonders betroffen sind hunderttausende Migrant*innen, die als Hausangestellte, in der Gastronomie und als Tagelöhner ihr Leben fristen, wie auch die Binnenflüchtlinge aus dem Sudan selbst.
Die Frage, ob sich zur Verwaltung der Knappheit nachbarschaftliche / solidarische Strukturen entwickeln, kann derzeit nicht beantwortet werden (die Rolle, wie sie 1979 die Moscheen in Teheran gespielt haben, ist in den kommenden Wochen wahrscheinlich eine der entscheidenden).

Kommen wir zurück auf die „Leaderless Revolution”: der Konsens zwischen den menu peuple und den politischen Ausschüssen wie SPA konnte so lange als gesichert gelten, wie es um die Dekonstruktion des Alten Regimes ging: Just Fall, that’s All. Die Parallele zu Algerien zeigt sich wesentlich in diesem Slogan. Es gibt eine algerisch-sudanesische Kommunikation über WhatsApp-Gruppen; die gemeinsame Parole ergibt sich aber allein schon aus Penetranz der Alten Regimes. Die Hinweise, die wir den Studien von Asef Bayat verdanken und die einen vorrevolutionären informellen Konsens in Form von Non-Movements betreffen, beziehen sich auf genau eine solche Situation. Darin liegt auch die Begründung, dass von „nationalen“ Revolutionen nicht gesprochen werden kann.
Sobald es aber ans Verhandeln geht, treten die Charakteristika der politischen Klasse in den Vordergrund. Andererseits entwickeln sich desto mehr Überlebens-und Anders-Lebens-Strukturen von unten,.je länger die Situation offen bleibt – wenn und solange die elementaren Bedürfnisse gesättigt werden können.

Es gibt im Sudan eine lange Tradition der „female heroes“, die bis auf die nubischen Königinnen in grauer Vorzeit zurück reicht (Kandaka). Etwa 70% der Menschen auf der Straße waren Frauen, mobilisiert über die Nachbarschaften hinaus durch zwei Frauenorganisationen, Kandaka und die Women’s Union.
Die „häusliche Parallelstruktur“ der Frauen in der Gesellschaft ist per se ein nicht-öffentliches Netzwerk, das eine unterschwellige Mobilisierung in den Nachbarschaften wahrscheinlich überhaupt erst ermöglicht hat. Während des Sit-ins vor dem MHQ haben viele Frauen die ihnen zugeschriebenen Rollen überwunden.
Diese Fragen sind noch zu beantworten: There is a tradition for women not to be seen in the streets. How did this effect the course of protests? und
Is there a specific strength of / chance for women in the revolutionary process?

Am 30. Juni und in den Tagen danach wurden über hundert Menschen in Khartoum ermordet – die meisten wahrscheinlich von den „Janjaweed“-Milizen (den „Reitenden Teufeln“). Während die Ereignisse in Khartoum die Weltöffentlichkeit elektrisierten, wurden in Dharfur wahrscheinlich Tausende massakriert. Der Konflikt zwischen Zentrum und Peripherie wird für die Zukunft des Sudan eine entscheidende Rolle spielen.
Zugleich gibt es im Sudan nicht nur ethnisierte Konflikte, sondern starke Rassismen. Während des Sit-ins schienen diese zum Teil sich aufzulösen und Delegationen aus der Peripherie wurden begeistert willkommen geheißen, aber sicherlich sind die Bedingungen in der Peripherie selbst gänzlich anders.
Zugleich gibt die FAO Warnungen vor drohenden Hungersnöten in Süd-Sudan und in der sudanesischen Peripherie heraus. Wie werden sich die Beziehungen zwischen den rebellierenden Schichten und den hungernden Menschen in der Peripherie entwickeln?

Es gibt die Neigung, die „Sudanesische Revolution“ als quasi nationales Ereignis zu interpretieren – wir halten dagegen an unseren Terminus von der „Arabellion 2019“ fest, denn die Aufstände sind ohne die Vorgeschichte von 2011, ohne die Gleichzeitigkeit mit den Massendemonstrationen in Algerien, ohne die Konnektivität der Migrant*innen und ohne Diaspora – vor allem die sudanesische Diaspora in Ägypten – nicht zu verstehen.
„Nationality“ erscheint uns eher als ein Mittel der Einhegung. Uns interessiert eher die Frage nach Momenten eines Kosmopolitanismus von unten, wenn er sich in den Zentren und in der Peripherie gleichzeitig entwicket.

Über Konflikte innerhalb des Apparats: der Militärs, des Geheimdienstes NISS und der “Janajweed”-Milizen wird, zumal nach dem angeblichen Putsch vom 11.07., viel spekuliert, zum Beispiel auf Spiegel Online, Al Jazeera oder in der TAZ.; Hinweise finden sich auch im Beitrag von Mario Wolf auf IZ3W:

Geprägt wird der Aushandlungsprozess von Hardlinern des alten Regimes. So strebt der Militärrat als übergeordnetes Gremium weiterhin die Kontrolle des Landes an, wobei der langjährige Kommandeur der Rapid Support Forces als Vize-Chef fungiert. Und trotz der regelmäßig von der Militärführung beteuerten Friedensabsichten werden im Zentrum Khartums immer wieder Demonstrierende von nicht identifizierbaren ‚Sicherheitskräften‘ erschossen. Der »Bashirismus«, wie die Opposition das Patronagesystem aus politischer Führung, islamischer Staatsideologie und den Einnahmen aus der Ölindustrie bezeichnet, ist nur schwer zu entwurzeln.

Am 16.07. haben die Verhandlungen mit dem Militärrat, an denen erstmals auch die KR offiziell teilgenommen hat, zu einem vorläufigen Ergebnis geführt. Das wichtigste Ergebnis dieser Verhandlungen ist allerdings die führende Rolle Hemedtis. Die Bevölkerung wird die neue Stärke dieses Kriegsverbrechers und vielfachen Mörders wohl kaum akzeptieren. Zehntausenden haben noch am 14.07. erneut für eine zivile Regierung demonstriert (Deutschlandfunk, Al Jazeera).
Der Militärrat und insbesondere insbesondere Hemedti haben allerdings nicht nur die Unterstützung der Machthaber in Saudi Arabien, den VAR und Ägypten, sondern stehen auch in engem Kontakt zu den Haftar-Milizen in Libyen. Die EU, mit deren Hilfe Hemedti von Kamelen auf mit MGs ausgestattete Pick-Ups und modernstes Gerät umsatteln konnte, wartet ab.


Der Bildausschnitt zeigt Hemedti in Herrscherpose, während er sich von loyalen Minderheiten der Bevölkerung feiern lässt. Derweil hat die Hemedti-Miliz in Sennar im Südosten des Landes wiederum auf Menschen geschossen, die gegen die Präsenz der Janjaweed in ihrer Stadt protestierten.

Unter Hemedti wird die Schließung der sudanesischen Grenzen mit weiteren Millionenzahlungen an die Reitenden Teufel leicht zu erkaufen sein. Allerdings steckt die EU in einem Dilemma. Die Verweigerung der Seenotrettung stürzt die EU schon jetzt in eine Zerreißprobe. Das ist nicht mein Europa, sagt inzwischen die Hälfte der Bevölkerung. Die aktive Unterstützung eines Verbrechers gegen die Menschheit bedeutet, Säure in diese Wunde zu gießen.

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Nachtrag:
Radio Dabanga berichtet am 19.07. über neuerliche Übergriffe der RSF, am 17.07. in Port Sudan und in Khartoum.

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Al Jazeera meldet am 20.07.:
„Negotiations between Sudan’s military, protest leaders postponed.
Talks over power-sharing arrangement postponed as rebel groups in opposition movement brand deal ‚unacceptable‘.“

…talks scheduled for Friday aimed at finalising the power-sharing deal were put on hold, opposition figures said.
„We need more internal consultation to reach a united vision,“ opposition leader Omar al-Digeir told the AFP news agency, adding that no new date had been set for negotiations to resume.

…three rebel groups that are part of Sudan’s umbrella protest movement, the Forces of Freedom and Change, had reservations over the so-called „Political Declaration“ struck with the ruling Transitional Military Council (TMC).

The rebel groups had been fighting government forces for years in the regions of Darfur, Blue Nile and South Kordofan.
„I’m going to Addis Ababa to meet the Sudan Revolutionary Front to get their opinion,“ Digeir said, referring to the three groups which are currently based in Ethiopia’s capital.
„They are not happy with“ the agreement signed with army leaders, Youssef said.
The three groups have said Wednesday’s deal was „unacceptable“ to them, insisting it did not talk of bringing peace to Sudan’s warzones or addressing the needs of those affected by the conflicts.
„Unfortunately, some parties chose not to pay any attention to those issues and went ahead without consulting with their colleagues,“ Gibril Ibrahim, head of the Sudan Revolutionary Front, told reporters in Addis Ababa.

Other groups within the pro-democracy coalition had rejected the deal arguing that it came with too many concessions to the generals.
The TMC demanded „absolute immunity“ from prosecution for the military figures who will be part of the new joint governing body.
The protest movement has strongly rejected blanket immunity amid growing concerns over the effectiveness of an independent investigation with the military still in charge. Protest leaders suggested a „temporary immunity“ be offered that would be valid as long as the member is in service.

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Das LabourNet zitiert iam 22. 07. fünf weitere aktuelle Beiträge, darunter vor allem solche, die die Kritik der Komitees, aber auch der regionalen bewaffneten Opposition und eines Zusammenschlusses politischer Parteien vermelden, was sich insgesamt zu einer ganz massiven Ablehnung des vorliegenden Abkommens zur Bildung einer Übergangsregierung summiert.

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The New Humanitariam schreibt am 25.07. in einer kruzen Reportage über die steigenden Lebensmittelpreise in Khartoum: Sudanese pay a price for revolution as cost of living soars.

Falafel is a cheap fast food usually snapped up quickly on the streets of Sudanese cities. But now Sadiya Seror sits with unsold trays of her chickpea patties.
“These days people eat one meal a day; they forget the idea of three meals,” Seror said, waiting for customers at her stall in Barakha market in Omdurman – twin city of the capital, Khartoum. “If you want to buy a meal for your family, it will cost around 175 [Sudanese pounds]. Before, 175 [roughly $3] would cover a family of five for three to five days.”…
Originally about escalating food prices, the demonstrations turned to reflect a deeper anger over a ruling party seen as corrupt and repressive and grew into a demand for political change.
Eight months after the protests began, a power-sharing deal is being negotiated between the ruling transitional military council that replaced al-Bashir and the civilian protestors whose persistence led to his ouster.
But what is proving harder to resolve, and dimming hopes for real change, is the impact of poverty and rising prices on a large and growing percentage of the population.
One indicator of the broader crisis is the crash of the Sudanese pound. It has lost almost half its value since December – dropping from 47 to the US dollar to 70 today. Fuel prices are rising, and the impact of the political strikes and stay-aways has added to wider inflation.
Muhyadin Mohamed, a vegetable trader in Barakha market, said customers who already complained about the high cost of his produce now face even higher prices. “We used to pay 80 pounds to transport our produce, now it’s 250 pounds to get things to the market,” he said.

Mohamed Yusif, a prominent member of the Sudan Professionals Association, a civil society group that has led the pro-democracy opposition, worries that the depth of the economic crisis may sap the ability of activists to stay on the streets and keep up the pressure for change.
“The ordinary citizen and his family rely on his daily income,” Yusif said. “If he is protesting and calling for civilian rule and never reporting to work, his family might well be affected.”

He noted that many of Sudan’s big agricultural schemes didn’t get scarce fuel and fertiliser before the start of the sowing season in mid-June. “The three months from April to July were very important to prepare for the new agricultural season,” Kaballo added.
Internationally, Sudan needs relief from a crippling $51 billion debt, but that would first require getting the country removed from the US list of state sponsors of terrorism.

Anmerkungen und Fragen: Revolution im Sudan