Die Beobachter*innen der Situation im Tschad sind sich einig, dass die Migration aus dem Tschad heraus und die transnationale Migration durch den Tschad eigentlich keine große Bedeutung haben. Die Binnenvertriebenen im Tschad gehören weltweit zu den Ärmsten der Armen. Auch die Vertriebenen aus Dafur haben keinerlei Ressourcen, um an eine Emigration auch nur zu denken. Vor 2011 gab es eine sehr begrenzte, wenige zehntausend zählende Arbeitsmigration nach Libyen. Natürlich gibt es die lokalen Migrationsbewegungen der Tubu, und es gibt neuerdings eine Arbeitsmigration zu den Goldfeldern im Tibetsi-Gebirge, über die wir wenig wissen. In einer Analyse der International Crisis Group 1)ICG, Tchad : sortir de la confrontation à Miski. Rapport Afrique de Crisis Group N°274 | 17 mai 2019 gibt es vereinzelte Hinweise darauf, welche große Bedeutung das Goldschürfen für die lokalen Jugendlichen und sogar für sudanesische Flüchtlinge hat.

Genau so arm wie die Binnenvertriebenen sind die über die Grenzen in den Tschad geflohenen Menschen. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen zählt rund 400.000 registrierte Flüchtlinge im Tschad. Hinzu kommen noch einmal Zehntausende, die innerhalb ihres eignen Landes vor Konflikten, Terror, Klima und wirtschaftlicher Not fliehen.

Der Ost-Tschad hat mehr als 400.000 Flüchtlinge aus Nachbarländern wie zum Beispiel dem Sudan aufgenommen. Gleichzeitig verlassen viele Menschen ihre Heimatdörfer aus Angst vor dem Terror der radikal-islamischen Boko Haram. Zudem leben fast 90 Prozent der Tschader unter der Armutsgrenze und es gibt nicht genug Nahrung für die Menschen: Wiederkehrende Dürren, aber auch extremer Starkregen mit nachfolgenden Überflutungen zerstören häufig die ohnehin schon dürftige Ernte.
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Dass der Tschad in der internationalen Flüchtlingspolitik zum Gesprächsthema wurde, hat der Militärdiktator Déby dem Valetta-Prozess von 2015 zu verdanken. Er konnte sich in Valetta als Garant undurchlässiger Grenzen in Szene setzen. Im Oktober 2017 dann hatte Emmanuel Macron die Idee, dem treuesten Vasallen Frankreichs im Sahel (siehe Tschad Teil 1) ein Geschenk zu machen: die Eröffnung eines vorgelagertes Asylzentrums:

Jetzt soll der Tschad zum Vorreiter einer neuartigen Flüchtlingspolitik werden: Flüchtlinge können im Tschad für Asyl in Frankreich vorsprechen. Asylbüros im Tschad und auch in Niger, wo es gut 100.000 Flüchtlinge gibt, sollen 3.000 Flüchtlinge auswählen, die direkt nach Frankreich reisen dürfen, verkündete Präsident Macron am 9. Oktober. Bei einem Gipfel in Paris am 28. August hatte er diese „Hotspot“-Idee zuerst ventiliert, um den afrikanischen Flüchtlingszustrom nach Europa über das Mittelmeer zu verringern.

TAZ | 13.11.2017

Eine Milliarde für den Tschad

„Die Europäische Union wird im Zeitraum 2017 bis 2021 925 Millionen Euro für den Tschad bereit stellen. Hinzu kommen Gelder aus dem European Trust Fund in Höhe von 95 Millionen Euro, diese sollen sich gezielt den Ursachen von Migration zuwenden und dazu noch zahlreiche Projekte finanzieren. Alles in enger Zusammenarbeit mit den Behörden und der Regierung im Tschad.“

Das heißt: über eine Milliarde Euro allein für den Tschad, um die Migration nach Europa einzudämmen.

DLF | 21.10.2017

Eine Milliarde für die Verhinderung einer Migration, die es nicht gibt und die es nie gegeben hat? Katrin Gänsler schrieb für die Deutsche Welle:

Dass Migration plötzlich mit dem Tschad verbunden wird, kann jedoch politisches Kalkül sein, wird in N’Djamena spekuliert. Seit dem Valetta-Gipfel im November 2015 gibt es zahlreiche Fördertöpfe für Projekte, die den Titel „Fluchtursachen bekämpfen“ tragen. Nach einem Treffen im September 2017 in Paris sagte Präsident Déby, Förderzusagen von bis zu 15,2 Milliarden Euro erhalten zu haben. Zum Vergleich: das Bruttoinlandsprodukt des Tschad liegt bei weniger als zehn Milliarden Euro pro Jahr.

DLF | 27.11.2017

Tschad, Teil 3: Eine Milliarde gegen die Flüchtlinge

Fußnoten   [ + ]

1. ICG, Tchad : sortir de la confrontation à Miski. Rapport Afrique de Crisis Group N°274 | 17 mai 2019

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