Im Niemandsland der Flüchtlinge

Zigtausende Migrantinnen, die auf der Suche nach einem besseren Leben aus Syrien, Afghanistan, Irak, aus Ost- oder Westafrika über die griechisch-türkische Grenze in die EU gekommen sind, stecken in diesem Moment in Athen, Patras oder einem der Balkanstaaten fest. Sie haben die Ägäis auf Schlauchbooten überquert, sie sind schon in der EU, aber die Überfahrt nach Italien mit der Fähre von Patras gelingt angesichts scharfer Kontrollen nur wenigen. Die meisten versuchen, über den Balkan nach Westeuropa zu gelangen. Tausende bleiben in den Grenzgebieten, im „Niemandsland der Flüchtlinge“,1 stecken. Ihr Schicksal überkreuzt sich mit dem Schicksal der Menschen aus Mazedonien, dem Kosovo und Serbien, die der EU nicht für die Aufnahme würdig gelten.

Das Schicksal dieser Menschen erinnert an all diejenigen, die in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg an den Grenzen Europas abgewiesen wurden – die Armenier, die polnischen Juden, die Spanienkämpfer und schließlich die Flüchtenden vor dem Nazismus. Es sind Zigtausende – etwa ebenso viele wie diejenigen, die auf brüchigen Booten von Libyen aus das Mittelmeer überqueren und über Italien ihren Weg suchen. Die einen haben ihr Leben bei der Überquerung des Mittelmeers aufs Spiel gesetzt, die anderen tun dies bei dem Versuch, den Balkan zu durchqueren. „Ich hatte Angst vor dem Meer, aber das hier ist schlimmer als alles“ sagt eine Frau, die in Mazedonien an der Grenze nach Serbien schon mehrmals nach stundenlangen Fußmärschen aufgegriffen und zurückgewiesen wurde. Dabei hat sie die nächste Grenze, nach Ungarn, noch vor sich.

Die einen werden von den EU-Behörden widerwillig und notdürftig aus Seenot gerettet, wenn auch in den letzten Wochen nur noch selten von den deutschen Fregatten, die sich stattdessen auf militärische Einsätze in Libyen vorbereiten. In Italien angekommen haben die Bootsflüchtlinge das Schlimmste hinter sich. Die Passage über Mailand in den Norden ist zur Zeit mühsam und von wieder eingerichteten Grenzkontrollen in Frankreich, Österreich und Deutschland geprägt. Aber die Route ist nicht lebensgefährlich. Die anderen, von denen hier die Rede ist, haben von der Türkei aus eine vergleichsweise kurze Passage hinter sich, die Rate der Ertrinkenden ist niedriger, aber es gibt keine Rettung zu Lande. Bereits auf den ägäischen Inseln herrscht Notstand bezüglich Unterbringung und Versorgung, ein Überleben ist häufig nur durch die bemerkenswerte Unterstützung der griechischen Zivilgesellschaft möglich. Nach der Registrierung können die MigrantInnen zwar nach Athen weiterreisen, doch die griechischen Verhältnisse bieten ihnen keine Perspektive. Sie schlafen auf der Straße. Zwar wurde unter der Syriza Regierung die Politik der Razzien und der unbefristeten Inhaftierung gestoppt, doch kaum jemand will – auch angesichts der anhaltenden Krisensituation – in Griechenland bleiben.

Die Weiterflucht über den Balkan konnte schon im letzten Jahr, zwischen Refoulement, Detention Centers und Gewaltmärschen entlang der Bahntrassen und über die Berge zur Katastrophe werden. In den letzten Wochen aber eskaliert die Situation. Allein in Athen sitzen 50 000 Migrantinnen auf der Straße. Über die Inseln kommen täglich 1000 hinzu. Die meisten versuchen, via Thessaloniki über die Grenze nach Mazedonien zu gelangen. In Idomeni, einem Dorf an der Grenze zu Mazedonien, sammeln sich zur Zeit 800 bis 1000 Migrantinnen pro Tag. Die Grenzregion wird von Mafiabanden kontrolliert, die für den Grenzübertritt hohe Summen verlangen. Viele, die es auf eigene Faust versuchen, werden zusammengeschlagen und nach Idomeni zurück verbracht.

In Mazedonien hat sich die Situation für die Migrantinnen seit Mitte Juni verbessert. Sie können sich an der Grenze registrieren lassen und erhalten, wie in Serbien auch, eine Aufenthaltsberechtigung für 72 Stunden. In dieser Zeit dürfen die Migrantinnen Busse und Züge benutzen, manche versuchen es auch auf Fahrrädern und zu Fuß. Seit die Aufenthaltstitel ausgestellt werden, hat sich die Zahl der Überfälle durch marodierende Banden und die Zahl der Erpressung von Schutzgeldern einem Bericht der NZZ zufolge deutlich verringert.2 In Serbien ist der Grenzort Presevo die nächste Anlaufstelle. Hier gibt es ein Auffangbüro des UNHCR. Die Armee hat Zelte aufgestellt, Hunderte täglich übernachten auf freiem Feld oder auf der Straße. Weiter geht es dann entlang der Bahntrasse noch einmal 400 km nach Norden. Ab Belgrad benutzen die Migrantinnen aus dem Kosovo die gleiche Route.

Etwa 42 000 Menschen wurden im letzten Jahr an der serbisch-ungarischen Grenze festgenommen, im ersten Halbjahr 2015 waren es 60 000, Mitte Juli bereits 81 000. Die meisten haben es trotz FRONTEX-gestützer Grenzkontrollen irgendwie geschafft. Nun aber errichtet Ungarn einen 150 km langen Drahtverhau, der 3 oder 4 Meter hoch werden soll. Die Orban-Regierung lässt dieses Werk vom Militär unter Einsatz von Strafgefangenen errichten. Als Datum der Fertigstellung wird inzwischen der 31. August genannt.3 Zudem schließt Ungarn die Flüchtlingslager in den Städten und errichtet Sammellager in der Peripherie. Es ist zu befürchten, dass die Lebensumstände für die Migrantinnen in diesen Lagern noch schwieriger sein werden als derzeit in den heutigen Asyl- und Detention Centres. Die Gefahr ist groß, dass es erstmals seit dem Jugoslawienkrieg wieder Konzentrationslager in Europa geben wird.

In welchen Zeiten leben wir? Wer in Europa ein Herz und Verstand hat, kann es nicht zulassen, dass sich Zustände wie vor hundert Jahren, mitten in Europa, auf eine solche Weise wiederholen. Zur Zeit brennt es überall: Es brennen die Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland, Syrien brennt, in Griechenland grassiert die Armut. Migrantinnen verdursten in der Sahara, sie werden in Libyen misshandelt und ausgenommen, sie ertrinken im Mare Nostrum. All das wussten wir schon, und jetzt noch ein Fokus: nicht im fernen Syrien, in Libyen, sondern einhundert Kilometer südlich von Wien.

Den Migrantinnen, die das Mittelmeer überqueren, hat das Alarmtelefon von WatchTheMed, mit relativ bescheidenen Mitteln, einen großen Dienst erwiesen. Es ist wohl nicht falsch, die Zahl der Menschen, die gerettet wurden, weil die kleinen Schiffe nicht mehr lautlos untergingen, weil die Küstenwache, die Marine und die Cargoschiffe durch Öffentlichkeit zur Rettung gezwungen wurden, nach Tausenden zu rechnen. Etwas ähnliches brauchen wir nun für die Landroute über den Balkan.

Die Aufgaben sind vielfältig:

  • in Griechenland geht es um Behausung und die elementaren Lebensmittel, für die Einheimischen wie für die Migrantinnen,
  • an den Grenzen geht es um mobile Unterstützung, was je nach Lage „Casas Migrantes“ oder Support für ansässige Fluchthelfer sein könnte, zum Beispiel für den Journalisten Vasilis Tsartsanis, der den Migrantinnen in Idomeni nach Kräften hilft, oder die Moschee in Kumanovo im Norden Mazedoniens.Es geht um mobile medizinische Hilfe, wie MSF sie in Griechenland in Idomeni, in Bulgarien und in Subotica in Serbien, nahe der Grenze zu Ungarn, leistet. Gemeinsam mit Pro Asyl unterstützt medico in Griechenland und der Türkei so genannte Refugee Support Teams, bestehend aus Rechtsanwält_innen, Dolmetscher_innen und Forscher_innen,
  • es geht um ein Informations- und Dokumentationsnetz, damit die Migrantinnen auf ihrer Reise nicht verloren gehen, wodurch ein gewisser Schutz vor Übergriffen durch Verfolgertrupps und kriminelle Banden hergestellt werden könnte,
  • es geht vor allem in Ungarn, aber auch in Serbien und Mazedonien, um die Beobachtung und Dokumentation der Aktivitäten von Grenzbehörden und Lagerleitungen, um vielleicht die schlimmsten Übergriffe durch Öffentlichkeit zu verhindern.

Wir werden auf den ffm-Seiten die aktuellen Informationen sammeln und kommentieren. Zugleich rufen wir dazu auf, die Initiativen, die auf der Balkan-Route schon jetzt tätig sind, nach Kräften zu unterstützen, die Kräfte zu bündeln und neue Verbündete zu gewinnen.

Mitte September wird eine erste Recherche- und Kontaktreise nach Mazedonien, Serbien und Ungarn starten mit dem Ziel, Kontakte zu lokalen Unterstützergruppen herzustellen und mit den MigrantInnen ins Gespräch zu kommen. Wir unterstützen diese Reise nach Möglichkeiten und freuen uns auch über finanzielle Hilfen. Spenden können unter dem Stichwort ‚Balkanroute‘ auf das Konto der Forschungsgesellschaft Flucht & Migration, Sparkasse der Stadt Berlin, Kto.-Nr.: 61 00 24 264, BLZ: 100 500 00, IBAN: DE68 10050000 0610024264, BIC: BELADEBEXXX überwiesen werden.

Fussnoten

 

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