Auf die arabischen Aufstände hat Europa mit verstärkter Abschottung geantwortet. Die Situation der Boat-people im Mittelmeer hat sich verschärft.
Anfang 2011 sind viele Kontrollen der nordafrikanischen Küstenwachen zusammengebrochen. Zehntausende Jugendliche nahmen sich mit neuem Selbstbewusstsein die Reisefreiheit und brachen über das Meer Richtung Italien auf. Dort reagierte der italienische Staat und die EU mit Notstand, Rassismus, Polizeiknüppel, zu wenig Nahrung, zu wenig Decken unter freiem Himmel. Im Laufe des Jahres erlebte Italien in den Abschiebegefängnissen die heftigste landesweite Revolte, die es jemals in Lagern Nachkriegs-Westeuropas gegeben hat. Die europäische Agentur, die die polizeiliche Abschottung der Außengrenzen vorantreibt – Frontex – und die Nato, die seit Frühjahr 2011 in Libyen Krieg führte, schotteten seit dem 20.02. beziehungsweise 19.03.2011 das Meer zwischen Italien und Tunesien/Libyen lückenlos ab. In jener Zeit sind so viel Boat-people in dieser Meerenge gestorben wie nie zuvor und wie in keiner anderen Mittelmeer-Region: zwischen 1.500 und 2.000 tote Boat-people wurden im „Kanal von Sizilien“ im Laufe des Jahres 2011 registriert, zur Hälfte TunesierInnen, zur Hälfte afrikanische Bürgerkriegsflüchtlinge aus Libyen.
Inzwischen ist eine transnationale Organisierung auf beiden Seiten des Mittelmeers möglich geworden, die der Abschottung entgegentreten will. Hier setzt Boats4People an. Boats4People wurde im Frühsommer 2011 in Italien gegründet, um direkt am und auf dem Mittelmeer etwas gegen die europäische Festungspolitik zu unternehmen. Gruppen aus Tunesien, Frankreich, Italien, Deutschland und den Niederlanden beteiligen sich daran.
Wir wollen Boats4People im Jahr 2013 fortsetzen. Zum einen mit einer internationalen Karawane in tunesischen Städten, Vorstädten und im armen Hinterland, zusammen mit Gruppen, die sich in Nordafrika für Bewegungsfreiheit einsetzen; mit Harragas, die bislang vergeblich versucht haben, in kleinen Booten nach Europa überzusetzen; und mit Flüchtlingen aus afrikanischen Ländern, die in Tunesien gestrandet sind. Geplanter Zeitpunkt: September 2013.
Des weiteren entwickelt sich eine intensive Zusammenarbeit mit dem Projekt Watch The Med. Hier im Anschluss wird das Projekt beschrieben. Wir werden das Projekt im Laufe des Frühjahrs 2013 nur dann hochfahren und im Sommer / Herbst 2013 voll funktionsfähig machen können, wenn wir die nötigen Gelder beschaffen können.
Wir rufen hiermit zu einer Spendenkampagne auf!
Die Forschungsgesellschaft Flucht und Migration (FFM) unterstützt als eingetragener gemeinnütziger Verein Boats4People. Die FFM besteht seit 1994. Sie recherchiert und veröffentlicht zur Situation von Flüchtlingen und MigrantInnen an der Peripherie der Europäischen Union (EU) sowie zur Abschottungs- und Lagerpolitik an den EU-Außengrenzen. Bezugspunkt für die FFM sind die Interessen und Rechte von Flüchtlingen und MigrantInnen und damit einhergehend die kritische Auseinandersetzung mit staatlicher Migrations- und Flüchtlingspolitik. Dabei werden Gründe für Flucht und Migration grundsätzlich respektiert. Die Selbstorganisation von Flüchtlingen und MigrantInnen, auch über Staatsgrenzen hinweg, sollen mit dieser Arbeit unterstützt werden. Die Forschung erfolgt nach Möglichkeit in Kooperation mit flüchtlingspolitischen Verbänden, mit engagierten Gruppen vor Ort und mit akademischen Einrichtungen.
Seit mehreren Jahren hat sich die FFM der westlichen Mittelmeerregion zugewandt. Während nach Osteuropa graduelle Öffnungen zu verzeichnen sind, gilt an der EU-Südgrenze die Tragödie der Boat-people seit über einem Jahrzehnt fast als Normalzustand. Die FFM unterstützt die internationalen Versuche, den massenhaften Tod im Mittelmeer systematisch zu dokumentieren, und will des Weiteren kritisch untersuchen, wie die EU derzeit zu neuen Formen der Meeres-, Küsten- und Wüstenüberwachung in Nordafrika übergeht.




